Lehrergesundheit
By claude | Juni 22, 2009
Lehrergesundheit ist ja nun zum Glück schon ein richtiges Thema, mit dem sich beschäftigt wird und das sogar in den Kollegien Einzug hält. Was krank macht ist sicher von der Konstitution des einzelnen Lehrers abhängig, wenn auch jeder weiß, dass es Bedingungen unseres Berufs gibt, die uns in Richtung Krnakheit durchaus anschupsen können, zu dem gibt es Krankheiten, die man schon stärker mit unserem Beruf verbindet, wie Tinnitus z.B.
Was aber ist Gesundheit? In einer schon recht bekannten Studie von Uwe Schaarschmidt kann man als Summe lesen, dass die Gesundheitsmuster gleichermaßen in Engagement und Distanz bestehen. Die Engagierten, die keine Distanz finden und die sich Schonenden, die nur darauf bedacht sind, wenig zu arbeiten, sind am häufigsten gefährdert in unserem Beruf krank zu werden.
Was macht Gesundheit aus? Anscheinend ist es nach Aaron Antonovski das Zusammenspiel dreier Komponenten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit erzeugen demnach ein Gefühl von Kohärenz. Wir müssen also unsere Tätigkeit durchschauen, sie aus eigener Kraft erledigen können und sie auch als wertvoll betrachten, um in ihr gesund zu bleiben, was insgesamt ein Gefühl von innerem Zusammenhang und äußerem Zusammenhalt ausmacht.
Bei Csikszentmihaly wird dieses Gefühl bekanntermaßen “Flow” gennant. Wenn die Tätigekeit eine Herausforderung beinhaltet, die zwar anstrengend, aber auch meisterbar ist, dann kann sich ein Gefühl von Selbstvergessenheit in der Arbeit einstellen, das er halt eben “Flow” nennt.
Wer sich mit dem Thema “Lehrergesundheit” beschäftigen und dabei auch noch ein wenig Spaß haben will, dem empfehle ich das kleine Büchlein “Lehrer und Gesundheit” von Dirk Kutting (2009). Darin werden u.a. alle am Unterrichtsgeschehen beteiligten Körperteile von Kopf bis Fuss gemustert. Das lockert manchmal beim Lesen das Zwerchfell, weil z.B. unsere Darmtätigkeit recht amüsant beschrieben wird. Das ist allein schon ein Gewinn, aber man bekommt auch viele nützliche und praktische Informationen.
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Diktatur des Indikativs
By claude | Mai 8, 2009
Früher hieß es einmal: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! etc. Eine klare Sache. Früher hieß es auch manchmal. Kinder schweigen, wenn Erwachsene reden. Keine tolle Sache, aber immerhin klar. Früher wurde gesagt: Geh Milch kaufen! Und wenn man mit seinem Plastikeimer welche verschüttet hatte, war man zu dumm zum Milchholen. Eine dumme Sache. Heute sagen selbst “autoritäre” Lehrer: Nimm bitte den Kaugummi raus! Und Schüler fragen, warum!
Was ist davon zu halten, wenn in jedem Klassenzimmer solche Listen - wie die folgende (schon um einiges gekürzt) - hängen?
1. Wir nehmen aufeinander Rücksicht.
2. Jeder bringt sein Material mit.
3. Bücher, Hefte, etc. legen zu Beginn der Stunde auf den Tisch.
4. Wir beginnen den Unterricht, indem wir aufstehen und uns begrüßen.
5. Während des Unterrichts bleiben wir auf unseren Plätzen.
6. Wir konzentrieren uns auf den Unterricht.
7. Wir melden uns und rufen nicht in die Klasse.
8. Wir essen und trinken nicht im Unterricht.
9. Die Stunde beginnt und endet mit dem Klingeln. Die Lehrkraft beginnt und schließt den Unterricht.
10. Wir achten auf Sauberkeit im Klassenraum.
Vielleicht brauchen wir solche Listen. Vielleicht brauchen dies auch die Schüler. Regeln helfen weiter. Was mich wundert ist, dass ich mir eine solche Liste, die ja immerhin aufgrund der sauberen Zehnzahl auf die Gebote anspielt, schwer in der Imperativ Form vorstellen kann. Warum fällt es uns so schwer die versteckten Imperative auch sprachlich klar und deutlich rüberzubringen? Achte auf Sauberkeit! Sei pünktlich! Iss und trink nicht! Ruf nicht rein! Konzentrier dich! Bleib an deinem Platz! Steh auf zur Begrüßung! Leg dein Material auf den Tisch und bring es mit! Nimm Rücksicht auf andere!
Abgesehen davon, dass dies kürzer ist, verschleiern die Imperative auch nicht, dass da jemand ist, der auf die Einhaltung der Regeln achtet und die Missachtung notfalls auch sanktioniert. Ich finde das demokratisch, wenn Macht nicht in einem Indikativ und hinter der ersten Person Plural versteckt wird. Ich finde es auch nicht undemokratisch, wenn asymmetrische Verhältnisse, wie es das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist, nicht verschleiert werden. Ich finde es entlastend für alle Beteiligte, wenn ich sage: “Ich bin hier der Lehrer.” Gegen das “Wir” im sahneweichen “Indikativ” kann man jedenfalls schlechter aufbegehren. Mich machen Indikative, die Befehle beinhalten eher verrückt.
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Die Gekränkten
By Juergen | April 7, 2009
Abizeit ist Zeit der Emotionen. Freude über die bestandenen Prüfungen hier, Ärger über Lästereien in der Abizeitung dort. Ärger und sogar Tränen wegen verpatzter Prüfungen hier, Erleichterung über die überstandene Flut an Korrekturen und Prüfungsvorbereitungen dort. Am Ende steht die Feier des gemeinsam Erreichten, die manchem gründlich verhagelt wird. Bereits das Erscheinen der Abizeitung sorgt bei mindestens einem Dutzend Kollegen, die nicht vorsorglich zensiert haben, für Verstimmung. Es herrscht mitunter der Eindruck, es wurde während des Unterrichts nur gegessen, geschlafen, gelabert, während die wenigen 1,0-Abiturienten im Windschatten dieses Phlegmas als Autodidakten glänzen konnten. Lehrer als Zuspätkommer, Faulenzer, Überforderte, Unwissende, Rechthaber, Erotomanen, Stinkende, Foltermeister, Langweiler, Schwule usw. werden als Panoptikum gestörter Störenfriede präsentiert, deren Bühne der Klassenraum ist. Manchem ist das zu viel, und der Abiball wird kurzerhand boykottiert.
Menschlich verständlich ist das allemal. Die Sensibiliät, die Schüler einfordern, lassen sie oft im Umgang mit Lehrerinnen und Lehrern vermissen. Doch sollte man als Lehrer nicht über diesen satirischen oder manchmal auch dummen Berichten stehen? Ein hohes Gut in unserer freien Gesellschaft ist die Meinungsfreiheit. Ich ärgere mich, wenn Vertreter von Religionsgemeinschaften Karikaturen oder andere Satire sofort als Beleidigung brandmarken und sich in den Schmollwinkel zurückziehen. Ich wundere mich, wenn Kritik an der Schulleitung als ungebührlich zurückgewiesen wird mit dem Hinweis, man solle doch Hierarchien akzeptieren. Deswegen werde ich den Teufel tun und Schülern drohen, nicht auf den Abiball zu gehen, wenn ein Kursbericht nicht positiv ausfällt. Manch einer verweigert gar Geschenke von Schülern, weil er sich tief getroffen fühlt, obwohl er selbst verbal sehr gut austeilen kann. Man sollte diesen im Abiturtaumel verfassten Pamphleten weniger Bedeutung beimessen, als dies viele tun. Sie sind weder ernstzunehmende Evaluationen von Unterricht, noch sind sie sprachlich akzeptabel - in den meisten Fällen jedenfalls. Schüler haben das Recht, über mich zu schreiben, was sie wollen, sofern Beleidigungen ausgeschlossen sind. Die Gegenwelt, in der ich nicht leben möchte, sind cleane, weil zensierte Schülerzeitungen oder Schuljahrbücher, in denen alles strahlt und glänzt, in denen massiver Unterrichtsausfall, Vertretungslehrerschwemme, Organisationschaos und vieles mehr ausgeblendet wird.
Spät abends auf dem Abiball, beim Bier zusammenstehend, könnte so mancher Ärger vertrieben sein, der zu Hause schmollend nur noch verstärkt werden dürfte. Denn beim Feiern erfahren wir in manchem Zwiegespräch wirkliche Zuneigung und Dankbarkeit von Schülern und Eltern. Auch das gibt es noch. Und da die Schulleitung in der Abizeitung oft am heftigsten durch den Kakao gezogen wird, braucht kaum jemand besorgt zu sein, man könnte diese Publikation an höherer Stelle allzu ernst nehmen…
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Wie schaff ich´s nur?
By claude | April 1, 2009
Matthieu Ricard nennt ein schönes Beispiel für den Umgang mit Störenfrieden:
“Du kannst mit geistigen Störenfrieden umgehen wie die Adler, die ich von meiner Klause im Himalaya aus beobachte. Die Krähen attackieren sie oft, obwohl sie viel kleiner sind. Sie stürzen sich von oben auf die Adler und versuchen, sie mit dem Schnabel zu treffen. Die Adler jedoch werden keineswegs nervös oder starten irgendwelche akrobatischen Ausweichmanöver, sie legen lediglich im letzten Moment ihren Flügel an, lassen die Krähen vorbeischießen und breiten den Flügel wieder aus. Die ganze Aktion erfordert nur minimalen Aufwand und verursacht fast keine Störung. Wenn man genügend Erfahrung hat, funktioniert der Umgang mit plötzlich hochkochenden Emotionen ganz ähnlich. Mit klarer Achtsamkeit siehst du sie kommen, dann läßt du sie passieren, ohne sie anzurühren, ohne sie zu blockieren oder zu verstärken, ohne weitere emotionale Wellen zu verursachen.” (in: Wolf Singer und Matthieu Ricard, Hirnforschung und Meditation, Frankfurt/M 2008, 36f.)
Zuerst dachte ich, das ist ein gutes Beispiel für den Umgang zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, aber nun sehe ich das anders. Viel schwieriger ist dies “Vorbeiziehen-Lassen” für mich im Umgang mit Kollegen. Ist man nicht der dumme August, wenn man auf intrigante Anfeindungen von Kollegen nicht reagiert, weil man dies für zu dumm und unter seinem Niveau sieht? Wie schaff ich´s nur, kurz die Flügel einzuziehen damit der Dreck vorbeifliegen kann? Es fällt mir so schwer, nicht zurückzuschießen, mich nicht zu ärgern, mir keine Gedanken über die Dummheit anderer zu machen. Es fällt mir so schwer gängige Feedback-Muster zu aktivieren. Z.B.: Mir wurde gesagt, dass du bei Kollegen über das Niveau meiner Prüfungen gelästerst hast. Ich wünsche mir, dass du das besser mir selbst sagst, dann könnten wir uns über das Niveau von Prüfungen im Allgemeinen und meiner im Besonderen unterhalten. Dann könnte ich dir auch meinen Eindruck von deinen Prüfungen mitteilen, wenn du das hören willst. … Man merkt schnell, solche Gespräche wird es nicht geben, weil niemand von seinem hohen Ross runtersteigt, leider nicht mal ich. Wie schaff ich´s nur, mir nicht die Freude am Unterrichten und an der pädagogischen Arbeit von einigen Dreckschleudern im Kollegium vermiesen zu lassen? Sorry, wenn das jetzt nicht optimistisch klingt, ich glaube es geht nicht und ich schaff´s nicht. Gegen üble Nachrede, war noch nie ein Kraut gewachsen.
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Suche nach Gründen
By claude | März 21, 2009
“Nihil est sine ratione.” “Nichts ist ohne Grund.” Dieser Satz ist ein Grund-Satz der Philosophie. Er scheint einzuleuchten. Für alles was geschieht, fordert unser Verstand Gründe. Wir möchten unser Dasein als eine Kette von Kausalitäten sehen, dann fühlen wir uns sicher und getragen vom Grund des Seins. Aber schon ein blöder Unfall oder eine böse Krankheit erschüttert unser Selbstverständnis. Was habe ich falsch gemacht? Warum kann ich mich auf meinen Körper nicht verlassen? Hat alles einen Grund? Fragen wir schon dann?? Wieviel mehr werden die Angehörigen von Opfern eines Amoklaufs das fragen. Nichts ist ohne Grund! Wie das? Wie soll es dafür Gründe geben?
Um unserer Hilflosigkeit Herr zu werden suchen wir dennoch nach Gründen. Und uns Lehrerinnen und Lehrer nervt schnell, wenn unter den Gründen auch wir und unsere Institution Schule zu finden ist: Wenn unsere pädagogische Fürsorge vermisst oder gar unsere präventive Aufsicht gefordert wird. Können wir nicht schon mögliche Kandidaten im voraus herausfiltern und ihnen unsere beondere Aufmerksamkeit schenken? Oh ja, ein Stigmatisierter wird sicher seiner Rolle gerecht werden wollen und unsere pädagogische Bemühung belohnen, in dem er uns wie eine Schlange durch die Finger gleitet, um sein Werk um so besser zu verrichten. Wie groß wäre der Erfolg, uns trotz unserer Aufmerksamkeit belogen zu haben und zu seinem Ziel gekommen zu sein, dass sich schon seit Jahren im Reifungsprozess befand. Man stelle sich vor, wir bilden eine Beratungsgruppe für besonders Amok gefährdete Jugendliche. Warum melden wir sie nicht gleich zu einem Sommerurlaub in einem vorderasiatischen Terrorcamp an? Ist es pädagogisch nicht sinnvoller von der Normalität unseres Zusammenlebens auszugehen, in der Terror keinen Platz hat? Wollen wir wirklich unser Leben auf den Ausnahmefall einstellen? Ist es nicht eventuell hilfreicher, die Denk- und Handlungsbemühung schon vorher abzubrechen? Kann es kein Ansatz sein, zu sagen: Dies ist ohne Grund? Es ist bodenlos. Es ist ein Satz vom Grund: nämlich ein Sprung in den Abgrund! Alles Gründe forschen gibt den Tätern recht! Es lässt die Taten nicht als das erscheinen, was sie sind: sinnlos, abgründig, irrsinnig… Alles Gründe forschen gibt den Tätern recht. Gründe rechtfertigen ihre Tat. Daher: Kein Andenken der Tat! Gründe rechtfertigen die Täter. Daher: Streicht ihre Namen aus dem Gedächtnis der Menschheit. Es kann nur einen Lohn geben: Sie vergessen! (Daher werde ich jetzt auch kein Wort über die Opfer schreiben, weil ich sie nicht neben die Täter setzen möchte.)
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“Use your head, teach!”
By claude | Februar 22, 2009
So wird in England in der U-Bahn für den Lehrerberuf geworben! Wenn wir dem WIRTSCHAFTSTEIL der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” von heute glauben dürfen, dann ist nun auch der Imagewandel für uns Lehrer in Deutschland dran.
Wir werden umworben! In Baden-Württemberg grüßen uns freundliche Plakate: “Sehr guten Morgen, Herr Lehrer! Jetzt bewerben…” (Ich kommentiere diese Plakate ausnahmsweise einmal nicht aus Sicht, der Gleichstellungsbeauftragten. Wer weiß, vielleicht gibt es in Ostfriesland Plakate mit der Aufschrift: “Moin, moin, Fru Lerrerrien!” Oder das Kultusministerium hat erkannt, dass gerade an männlichen Pädagogen Mangel herrscht und hat absichtsvoll auf die weibliche Form verzichtet!)
Warum werden wir umworben? Wurde endlich einmal wieder verstanden, dass Bildung nicht ohne und gegen Lehrerinnen und Lehrer zu machen ist? (So ähnlich wie der Staat langsam kapiert, dass es Kinder nicht ohne Eltern gibt und man daher diese unterstützen sollte!) Wir werden umworben, weil es uns bald nicht mehr gibt. Das zeigt die Alterstruktur unseres Berufsstandes: 1984 waren mehr als 50% aller LehrerInnen zwischen 30 und 40 Jahre alt Damals waren nur etwas merh als 10% über 50!). Heute sind mehr als 50% älter als 50 (Heute sind kaum 15% zwischen 30 und 40.)! Wir werden umworben, weil sie uns wieder brauchen! Wir haben Konjunktur! Wer weiß, demnächst dürfen wir sogar unser Arbeitszimmer wieder steuerlich geltend machen?
Wir werden umworben! Wie das Beispiel anderer Länder zeigt, liegt jedoch die Beliebtheit am Lehrendenberuf (Ich habe gerade einmal keine Lust auf eine männlich dominierte Sprache!) nicht an der Bezahlung, sondern am gesellschaftlichen Ansehen. Mich freut daher heute schon mal, dass wir Lehrer-innen es in den Wirtschaftsteil der FAZ geschafft haben! Wer weiß, am Ende gibt es bei RTL noch die Sendung “Deutschland sucht die/den Superlehrer/in!” Oder gibt es sowas schon?
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Obermeier, nicht Uschi
By claude | Februar 21, 2009
Fastnacht ist lustig. Nach dem Umzug in unserem Ortsteil dürfen an der Schule meiner Töchter die Eltern immer für die Bewirtung sorgen. Ist echt lustig. Zuerst habe ich eine Stunde lang Rindswurst verkauft, wegen der Vielfalt in einer Multikultigesellschaft gibt es keine Schweinewürstchen mehr. Vielleicht wäre ja schon schon die Frage: “Rinds- oder Schweinewurst?” eine leitkulturelle Zumutung? Vielleicht gab es aber einfach auch nur einen Topf, weshalb auf Schweinewürstchen verzichtet werden musste, weil nur eine Schweinswurst inmitten vieler Rindswürste diese alle quasi ethnisch versaut hätte…
Dann habe ich beim Bierstand Gläser gespült, dabei habe ich mir gedacht, dass es manchmal gut ist, wenn man nicht weiß, wie sie gespült werden. Mit kaltem Wasser, dass nicht eben oft gewechselt wird, ist nicht lustig. Ich habe mir aber trotzdem Mühe gegeben, ordentliche Spülergebnisse zu erzielen. Immerhin durfte auf dem Schulhof Bier und Sekt verkauft werden, was unsere Schulbürokratie normalerweise strickt untersagt. Aber an Fassenacht darfs halt doch mal lustig zugehen. Überhaupt kann man viele lustige Begebenheiten beobachten, wenn man so vor sich hin spült. Frauen, die das erste mal Bier zapfen. Männer, die ganz unlustig auf das Erreichen des Eichstrichs beim Gezapften achten. Ja und dann gibt es noch den SEB, halten sich für die SchulElternBeletage, verhalten sich aber oft wie die SchulElternBerserker. Ich war so mitten drin in meinem lustigen Spültreiben, als eine Frau in meinem Rücken auftauchte, wo denn der Herr Claude sei, er habe sich für den Abbau einteilen lassen und jetzt solle er BITTE (!) die Biertische in den Keller räumen. Vielleicht war ich beim Spülen wirklich etwas in Gedanken und nicht lustig genug auf Zack, aber so wollte ich mich dennoch nicht anmachen lassen. “Wer sind denn Sie?” fragte ich und bekam die Antwort: “Obermeier, SEB!” Oh, ha, das saß. Ich ließ den Spültisch Spültisch sein und trug still und leise Biertische in den Keller, immerhin hatte Frau Obermeier vom SEB gesprochen. Mir blieb nur der kleine gewaltlose Widerstand in mich hineinzukichern: Obermeier, leider nicht Uschi.
Bleibt natürlich nachzutragen, dass erstens die ganze Geschichte, besonders meine Reaktion am Schluss, völlig frei erfunden ist. Die Frau Obermeier, war keine Frau, sondern ein Mann, der Althuber hieß und natürlich war er auch nicht vom SEB und übehaupt geht es auf Fastnachtsfeiern lustig zu und alle Eltern, die in der erfunden Geschichte irgendetwas gemacht haben, haben es freiwillig gemacht und es hat ihnen Spaß und Freude bereitet.
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Geschlossene Gesellschaft
By claude | Februar 20, 2009
Eine Kollegin bat einen Kollegen und mich, einen Klassentag durchzuführen, weil in der Klasse einige neue Kolleginnen und Kollegen eingesetzt wurden, bei denen sich die Schüler anscheinend sehr daneben benahmen. Weil es immer weniger Klassenleiterstunden gibt und die pädagogische Arbeit vom Klassenlehrer kaum allein zu leisten ist, bieten wir nach Bedarf eben solche pädagogischen Tage an.
Es war für uns beide beeindruckend zu sehen, wie groß der Hunger nach Gespräch bei den angeblich so schwierigen Schülern war. Sie ließen sich nicht nur auf unser Programm - mit einer Mischung aus Selbstreflexion und Interaktion - ein, sondern entwickelten selbst eigene Ideen für die Weiterarbeit an der Klassengemeinschaft. War vorher eine resignierte Stimmung bei einigen Schülern zu spüren, so kaum plötzlich frischer Wind in die Klasse. Selbst diejenigen, die angeblich zwar groß sind in der Unterrichts(zer)störung, bekannten sich offen zu einigen Situationen in denen sie Mist gebaut hatten.
Unsere Vorgabe, sich gegenseitig Feedback zu geben und an einzelne Schüler gerichtet, genaue Situationen zu benennen, zu sagen, wie diese bei einem selbst ankamen und dann einen Wunsch an die betreffende Person zu äußern, konnten die Schüler auch gut umsetzen. Aber dabei wollten sie nicht stehen bleiben, sie wollten noch mehr tun, nicht nur wieder ihren guten Willen bekunden und dann halt schauen, ob sich etwas ändert. Sie wollten (absolut aus eigenem Antrieb!) Briefe an die Lehrer schreiben, die sie besonders geärgert hatten und darin für ganz bestimmte Vorgänge um Entschuldigung bitten. Eine tolle Sache, wie wir Lehrer fanden, zumal dies nur die unterschreiben sollten, bzw. wollten, die involviert waren.
Nun kommt der Anlass für diese Einlassung in der Öffentlichkeit des weltweiten Netzes:
Wir sprachen im Auftrag der Schüler die entsprechenden Lehrer an, um diese zu bitten, die Briefe ernst zu nehmen. Alle Kollegen und Kolleginnen, mit denen wir redeten, reagierten pikiert, besser noch angepisst. Wir hatte eine heilige Kuh geschlachtet, die geschlossene Gesellschaft war geöffnet worden. Ein ganz, ganz kleiner Schritt hin zu einer, ein klein wenig offeneren Gesellschaft und zu ein bisschen mehr Transparenz, wurde mit großer Angst und Verunsicherung zurückgewiesen. Alle Kollegen mussten betonen, dass sie sowieso keine Probleme haben. Keiner wollte andererseits den Schüler (und uns) nur ansatzweise Zutrauen, dass sie wirklich an sich gearbeitet haben. Schade.
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Was zeichnet meine Schule aus? Neuer Wettbewerb gestartet!
By admin | Februar 2, 2009
Heute möchte ich auf ein Projekt in eigener Sache hinweisen:
Die Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung veranstaltet zum dritten Mal gemeinsam mit dem Markenverband den Schulwettbewerb „Mission Marke“. Mitmachen können alle Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 13 an allgemeinbildenden Schulen – sowohl allein als auch im Team. Das Motto lautet in diesem Jahr „Meine Schule als Marke”.
Was zeichnet meine Schule aus? Was sind ihre Stärken? Wie kann auf diese Stärken aufmerksam gemacht werden? Mit diesen Fragen sollen sich die Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen. Aufgabe ist es, für die eigene Schule einen Markennamen, ein Markenzeichen, einen Slogan und einen Werbeplan zu erstellen und die Ideen auf bis zu zwei DIN-A4-Seiten zu dokumentieren.
Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern winken viele attraktive Geld- und Sachpreise: Die Siegerklasse wird zu einer Exkursion „Hinter die Kulissen“ bei einem Markenunternehmen in Hamburg oder Berlin eingeladen und erhält noch 1.000 Euro für die Klassenkasse dazu. Einsendeschluss für die Wettbewerbsbeiträge ist der 30. April 2009.
Mehr dazu unter www.mission-marke.de
Anregungen für den Unterricht und eine Wettbewerbsbroschüre mit Arbeitsblättern zur Erarbeitung des Themas können als PDF-Dateien unter www.mission-marke.de/files/697/Wettbewerbsbroschuere.pdf heruntergeladen werden.
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Backe, backe Kuchen
By claude | Januar 16, 2009
Mit beiden Backen mampfend hatte sie das Klassenzimmer verlassen, Kuchen aus der hohlen Hand essend. Krümel säumten ihren Weg vom Klassenraum zum Pausenhof. Ich fühlte mich an Hänsel und Gretel erinnert. Versuchte sie eine Spur zu legen, um den Weg zurück zum Unterricht zu finden?
Ich sprach sie an: “Habt ihr heute Geburtstag gefeiert?” “Nein, der Tobi kam zum dritten Mal zu spät, dafür musste er einen Kuchen backen.”
Aha, denke ich, früher hat man Verspätungen einfach im Klassenbuch notiert und nach der dritten wurden die Eltern informiert. Die Schülerin will weiter, fragt aber nett: “Wollen Sie auch eins, in der Klasse gibt es noch mehr?” “Wie das?” will ich wissen. “Hat denn der Kuchen von Tobi nicht geschmeckt?” “Doch, doch!” wird geantwortet. “Der war gleich weg. Aber Tina musste auch einen Kuchen backen, weil ihr Handy im Unterricht geklingelt hat!” Belustigt frage ich weiter: “Und hat außer Tobi und Tina auch noch Andy und Sandy einen Kuchen mitgebracht, weil sie vielleicht ihre Hausaufgaben vergessen hatten?” “Nein!” Sagt meine Gesprächspartnerin. “Aber unser Lehrer war selbst dran, weil er die Kursarbeit seit drei Wochen nicht zurückgegeben hat!”
Aha, denke ich, hätte der lieber statt bei Sarah Wiener in die Backschule zu gehen mal einen kleinen Abstecher am Schreibtisch vorbei gemacht. Ich verabschiede mich von meiner Informatin und gehe in meinen Unterricht.
Viele enttäuschte Augen sehen mich an. Wieder keinen Kuchen in meinem Unterricht. Statt dessen motze ich einen Schüler an, der eine Tüte Haribo Colorado auf dem Tisch liegen hat: “Pack das Zeug weg, wir sind hier doch nicht beim Picknick!”
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Wir sind Schule!
By claude | Dezember 3, 2008
Wir sind Schule. Wir sind gut. Wir sind eine gute Schule.
Alle. Alle sind wir Schule. Auch du bist Schule.
Wir sind unsere Schule. Alle machen wir Schule. Gemeinsam. Miteinander. Schule. Wir.
Wir lassen einander ausreden.
Wir hören einander zu.
Wir achten einander.
Wir helfen einander. Wir sind sind gut. Alle miteinander. Gemeinsam. Wir.
Wir sind eine gute Schule. Wir sind gut.
Lass mich ausreden. Lass mich sofort ausreden.
Hör mir zu. Hör mir sofort zu. Und hör sofort auf.
Hör jetzt sofort auf und hör sofort zu.
Wenn du nicht gleich aufhörst. Hör auf und lass mich ausreden.
Hör sofort zu. Wenn du jetzt nicht sofort damit aufhörst hörst du auf eine gute Schule zu sein und bist keine Schule mehr und gehörst nicht mehr zu unserer guten Schule du gehörst hier sofort aufgehört und wo anders hin.
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Der Gastgeber
By Juergen | November 22, 2008
Gerade in Zeiten von PISA, in denen wir uns in Deutschland von Bildungskommissaren aus Costa Rica sagen lassen müssen, wie rückständig und asozial unser ganzes Bildungssystem ist, kommt einigen wenigen Leuchttürmen ganz besondere Bedeutung zu.
Vor kurzem war ich auf einer Fortbildungsveranstaltung. Dort wurde den Teilnehmern ein Film vorgeführt, in dem eine Schule gezeigt wurde, die all das richtig macht, was andere falsch machen. Die Individualisierung des Lernens stehe im Vordergrund, wie uns der Schulleiter dieser Musterschule, in der es keinerlei Konflikte oder Probleme zu geben scheint, immer wieder klarmachte. Der Lehrer sei dort “Gastgeber” für die Schüler, befinde sich als erster im Klassenraum, die 45-Minuten-Stunde sei abgeschafft, gleitende Stundenzeiten förderten die Eigenverantwortung der Schüler, die kommen können, wann sie wollen. Eine Schule ohne Leistungsdruck mit dennoch besten Leistungen, wie versichert wurde. Zelte werden da im Unterricht aufgeschlagen als Rückzugsorte der Schüler, die es sich auf Matratzen statt auf harten Stühlen bequem machen können, um dort die Bildungsgüter nur so in sich aufzusaugen. Man gewinnt den Eindruck: Das, was der real existierende Sozialismus nicht geschafft hat, hat eine Modellschule in Reinkultur feriggebracht! Es gibt keine “Auslese” von Schülern, nein: Jeder wird dort abgeholt, wo er steht, und man hilft sich gegenseitig, zuerst natürlich ist der Lehrer nicht der fiese frontal angreifende Korrektor, sondern der “Gastgeber”, der Freund und Helfer.
Er wartet in einem Raum mit einigen Arbeitsecken wie ein Bibliothekar auf die nach und nach eintrudelnden Schüler, die sich sogleich ans Werk machen und in Büchern blättern. Der Leher scheint eine ruhige Kugel zu schieben, da es sich bei seinen Schülern um Autodidakten zu handeln scheint. Eine Seelenruhe in dem Raum, geradezu andächtig verfolgen die Kinder ihre Ziele. Freilich tummeln sich nicht 30 von ihnen in dem Raum, sondern es verlaufen sich eine Handvoll in dem Lesesaal.
Blick ins Lehrerzimmer: Hier muss sich der Betrachter, der aus ärmlichen, sprich normalen Schulverhältnissen kommt, schon zusammenreißen: Auch dies ein Hort der Muße, in dem sich hin und wieder Lehrer treffen, um in entspannter Atmosphäre über ihre neuesten didaktischen Geniestreiche zu parlieren. Ein Paradies, und dies mitten in Deutschland! Wie oft gibt es das in unserem Land? Einmal? Zweimal?
Neue Szene: Ein bärtiger Lehrer in Hausschuhen sitzt mit Fünftklässlern im Kreis auf dem Boden und möchte Wissen über einen berühmten Komponisten vermitteln. Er tut dies im Stile eines Märchenerzählers, der hin und wieder die gebannt zuhörenden Schüler als Stichwortgeber seiner Ausführungen benutzt. Das also ist wahre Schülerorientierung. Man kann es auch Lehrervortrag im Sitzkreis nennen. Wirklich originell.
Andere Situationen: Die vorgeführte Schulgemeinschaft lernt - wir haben es geahnt - nicht für die Schule, sondern für das Leben. Man backt Kuchen, man sucht Druckerläden auf, man sieht kleine Daniel Düsentriebs in Werkstätten beim Tüfteln. Man sieht fröhliche Gesichter und einen sichtlich stolzen Schulleiter, der sich als letztes Relikt eines herkömmlichen Lehrerimages das Lacoste-Poloshirt aufgehoben hat, das er im Film trägt. Dieser Mann, so der Eindruck, hat es geschafft: Sich aus kleinen Schulverhältnissen durch einen unbändigen Willen nach ganz oben in den Olymp der Vorzeigeschulen vorgearbeitet. Es ist eine Einstellungssache, wie man als Lehrer Schule begreift. Worte wie Geld, Lehrplan, Klassengröße, Leistungsbewertung kommen schlichtweg nicht vor. Zumindest spricht der Herr Direktor nicht über Geld, vermutlich, weil man es halt zur Verfügung hat. Auch nicht über Klassengrößen, weil man immer nur sehr wenige Kinder im Bild sieht, kaum mehr als 15 pro Lerngruppe. Auch Lehrpläne scheint man sich an dieser Schule selbst zu geben, sogar auf jedes einzelne Kind zugeschnitten. Chapeau! Und da dieses System bei allen Schülern zu Höchstleistungen führt, sind auch Lernkontrollen völlig überflüssig, denn diese wären nichts weiter als die eindrucksvolle Bestätigung der offenkundigen Erfolge!
Der Film endet. Die Betrachter müssten sich eigentlich nun wie winzig kleine Würstchen, nein, Amöben fühlen, da es ihnen offenbar an diesem Pioniergeist und dem Einfühlungsvermögen, der Willenskraft und dem pädagogischen Geschick fehlt. Jeder ist seines schulischen Glückes Schmied, suggeriert der Film. Er zeigt den “neuen Schüler”, den diese Art von Schule kreiert: den Gast. Und der Lehrer ist hier kein Wissensmaganger, sondern schlicht “Gastgeber”. Es werden aus dieser Schule dereinst Nobelpreisträger hervorgehen, zumindest aber Intellektuelle und Global Leaders, die uns sicher auch Finanzkrisen und dergleichen in Zukunft ersparen. Der Film wartet zudem mit einer quasi religiösen Sprache auf, beschwördend, suggestiv. Nur eines vermisst der kritische Betrachter in der Schule und der Art ihrer Vorstellung: Selbstkritik. Kein Wort von möglichen Startvorteilen gegenüber anderen Schulen, kein Wort über Konflikte, die es wohl an allen Schulen dieser Welt gibt, kein Wort zu einem Zusammenschnitt von “Highlights”, die in dieser Form schwerlich alltäglich sein dürften. Nein, wir sehen eine “Schöne neue Schulwelt”. Nach dem Film sehne ich mich nach meinen Schülern, die Unbehagen vor Lateinvokabeln verspüren und für ein gutes Fußballspiel noch jede Hausaufgabe links liegenlassen. Bei weltlichen Heilsversprechen ist Vorsicht geboten!
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“Die Anstalt” als Hörbuch
By admin | November 10, 2008
Der Lehrerblog “Die Anstalt” erfreut sich einer großen Fangemeinde unter Kolleginnen und Kollegen, die wissen, wovon die drei sprechen.
Daher bieten wir euch in diesem Jahr die Möglichkeit, “Die Anstalt” als Hörbuch unter den Weihnachtsbaum zu legen.
Notleidende Lehrerinnen und Lehrer gibt es hier und heutzutage genug.
Wer einem lieben Kollegen die Korrektur der Klassenarbeiten in den Ferien versüßen will, kann das tun!
Und hier schon mal eine Hörprobe zur Einstimmung:
http://www.jugend-und-bildung.de/files/692/12_Homeoffice.mp3
Bestellung über http://www.jugend-und-bildung.de/webcom/show_article.php/_c-10/_nr-521/_p-1/i.html
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Herr Biedermann als Anstifter
By claude | November 2, 2008
Kennt ihr das auch bei euch an der Schule? Ganz normale Biedermänner (-oder frauen) werden zu unkollegialen Brandstiftern? Wie das geht? Ganz einfach! Es folgen ein paar Hinweise:
Man fragt ganz unbedarft in einer Klasse: Na, wie war eure Mathearbeit? Was? So schlecht? (Nun kann man langsam beginnen, dürre Äste für einen kleinen Scheiterhaufen zu sammeln.) Hat denn der Herr Kollege nicht genügend mit euch geübt? (Jetzt ordentlich die Äste aufschichten.) Wie war denn die Arbeit davor? Was? Auch sooo schlecht? (Es folgen die Zündschnüre.) Hat er denn die Arbeit rechtzeitig angekündigt? Stand sie denn überhaupt im Klassenbuch? Sagt mal, habt ihr nicht in der Woche noch mehr Arbeiten geschrieben? Wie viele waren das denn? (Nun noch ein wenig Brandbeschleuniger.) Ich gebe euch einen Tipp! Wozu habt ihr einen Klassensprecher gewählt? Der kann doch einfach zur Schulleitung gehen und nachfragen, ob der (gemeint ist der Kollege) die Arbeit überhaupt in der Woche schreiben durfte. Fragen kostet nichts. Außerdem lernt ihr, euch für eure Rechte einzusetzen. Das ist gaaanz wichtig! (Inzwischen ist es Zeit, in der Nähe der Zündschnüre mit Feuersteinen Ravels Bolero im richten Takt zu klopfen.) Ihr könnt ja zu Hause auch mal mit euren Eltern sprechen, ob man da nichts machen kann. Wozu ist denn der Elternbeirat da? Am besten das Thema wird auch mal beim nächsten Elternabend besprochen. Da können eure Eltern auch mal abstimmen, ob sie das Thema nicht lieber auch mal in den Schulelternbeirat bringen möchten. Da kann man euer Thema auch mal ansprechen. (Am Ende dieser interessanten und lehrreichen Unterrichtsstunde, - die auch mal vom Steuerzahler finanziert wurde - , kann man sich miteinander am flackernden Feuerchen wärmen.) Seht ihr, das war doch gut, dass ihr das Problem hier in der Klasse - unter uns - benannt habt. Ich behandle die Sache wirklich vertraulich, ehrlich, da braucht ihr wirklich keine Angst zu haben. Ihr könnt wirklich alle Themen immer bei mir loswerden.
Nachsatz: Man hat aus wie immer gut (?) unterrichteten (??) Kreisen gehört, es soll sogar Schüler geben, die diese Unterrichtsvernichtung von unvorbereiteten Lehrern auf Kosten eines Kollegen durchschauen.
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Neues Medienpaket
By admin | Oktober 20, 2008
Heute möchte ich ein Projekt in eigener Verlagssache vorstellen und empfehlen:
Das Medienpaket “Wir in Ost und West” beinhaltet ein Schülermagazin, eine Lehrerinfo zum Download und den Internetauftritt mit interaktiven Lernspielen und einem Schülerwettbewerb, einer Foto-Community und Storyboard für junge Autoren.
Das Schülermagazin gibt 15-17-Jährigen Denkanstöße für die Identifikation mit ihrer Heimatregion und führt sie an die Notwendigkeit des persönlichen und gesellschaftlichen Engagements in einer funktionierenden Demokratie heran. Die Kapitel ‘Mein Land’, ‘Meine Region’ und ‘Mein Engagement’ lenken die Auseinandersetzung mit dem individuellen Lebensziel von der Frage nach typisch Deutschem über die Gegebenheiten der Heimatregion hin zum Verständnis eigenen Engagements.
Mehr dazu unter www.wir-in-ost-und-west.de
Und wer gleich einen kostenlosen Klassensatz bestellen möchte, kann das hier tun:
Schülermagazin im Klassensatz (25 Stück) kostenlos bestellen
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Elternstammtisch
By claude | Oktober 4, 2008
Als ich in der fünften Klasse war, hatte ich für meine große Ode “Robinson Crusoe” nur Lacher, aber keinen Preis gewonnen. Der Anfang lautete “Robinson Crusoe liegt am Strand ohne Hose…” Den ersten Platz in unserer Klasse machte ein Gedicht mit vollendeteren Reimen, womit meine Klassenkameraden ihren Sinn für lyrische Harmonie bewiesen, jedoch keinen Sinn für “blumig statt Logik”, wie Jean Paul gesagt hätte. Nach dem Vortrag des Siegergedichts sagte der Lehrer übrigens: “Da hat wohl die Mama ein wenig mitgeholfen!?” Womit er richtig lag und wir fast beim Thema wären.
Es wird viel darüber diskutiert, warum viele Millionen Euro Geld in die Bezahlung von Nachhilfestunden fließen. Niemand scheint sich jedoch dafür zu interessieren, wieso viele Millionen Stunden Zeit in die Hausaufgabenbetreuung durch Eltern gesteckt werden. Es ist selbstverständlich.
“Wie habt ihr die Erdkundeaufgabe hinbekommen?”
Wird in die Runde des Elternstammtisches gefragt. Diese Börse für wichtige Hinweise zur Bearbeitung der Hausaufgaben ist für manche Eltern ein Muss. Für meine Frau und mich auch. Bei der Frage nach Erdkunde fällt keinem von uns ein, dass nicht die schülernden Kinder gefragt sind, sondern, die ihre schülernden Kinder fördernden Eltern. Ja? Wie habe ich die Erdkundeaufgabe hinbekommen…? Ich gerate ins Grübeln und die Erinnerung stellt sich schnell ein. Das war abends vor der Geigenstunde meiner Tochter…, sie nutzte die Wartzeit, um schon mal mit Erdkunde anzufangen…, ich konnte nur leicht dirigierend eingreifen, während sie die Bundesländer ausschnitt und versuchte, diese in ihr Heft klebend, zusammenzupuzzlen. “Wo hast du Mecklenburg-Vorpommern?” Fragte ich vorsichtig. “Wahrscheinlich verloren!” Antwortete sie unbekümmert. Auch das Saarland war unauffindbar. Berlin tauchte nur als Loch in Brandenburg auf. Von Hamburg und Bremen ganz zu schweigen. Ich hasse diesen wirren Föderalismus. Warum nicht ganz simpel: Nordland, Westland, Ostland, Südland? Fertig! Warum nicht nur die Hauptstädte: Hamburg, Köln, Berlin, München? Basta! Ich sah mich schon in einen Copyshop laufen und altes Papier aus einem Müllkarton suchen, das in etwa der vielfach reproduzierten Vorlage der fehlenden Bundesländer gleich kam. Ich hatte jedoch eine bessere Lösung, die ich stolz den anderen Eltern präsentierte: “Ich habe die fehlenden Länder einfach ins Heft gezeichnet!”
“Was hast du g e m a c h t?”
“Kennst du nicht die Erdkundelehrerin und ihre pingelige Art?” Oh Gott, ich sackte etwas in mich zusammen und beschloss an diesem Abend keine Hinweise mehr auf unsere Hausaufgabenanfertigung zu geben. So schnell lass ich mir nicht mehr in die Karten gucken. Selber schuld, das haben die davon. Etwas beleidigt ging ich noch mal unsere derzeitige Hausaufgabenverteilung durch… Eigentlich ist sie recht gut in Schuss gekommen… Ich habe vollständig Mathe übernommen, nachdem meine Frau im Selbstversuch angefangen hatte, Säulendiagramme mit Lego nachzubauen, um sie besser zu verstehen, bevor sie diese zu erklären versuchte. Dafür darf ich jetzt kein Englisch mehr, weil meine Frau der Meinung ist, mein “th” klinge, wie wenn der Franz seine “Sissy” ruft. Auch in Deutsch läuft es jetzt nach ein paar Ordnungsrufen meiner Frau “Schatz, nicht vor den Kindern!” besser. Jetzt sage ich beispielsweise: “Ich gehe gleich hinauf ins Fußballstadion zu einem Heimspiel von der Mannschaft von Mainz Null Fünf!” Bis ich das ausgesprochen habe, hat zwar der Schiedsrichter schon zum Pausentee gepfiffen, aber ich werde nicht mehr angeschnautzt, wie damals als ich noch kurz und knapp sagte: “Ich geh´ nuff zu de Nullfünfwee!” Das ist gestrichen von der Liste. Ich weiß, was mir die Bildung meiner Kinder wert ist, denke ich, während die anderen Eltern immer noch an Erdkunde dran sind.
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VERA 8 - Blues
By marius | September 25, 2008
Neulich nach einer so genannten Fortbildung zu VERA 8 brummte mein Kopf und ich verfiel am Abend in einen Fieberzustand, das Erlebte verdichtete sich zu einer Art Horrortrip. Das Gedächtnisprotokoll ergibt folgendes Kuddelmuddel.
Die Steuerungsgruppe flüstert noch im Irgendwo…Bildungsmonitoring baut sich auf und strahlt uns entgegen…Ausschau nach jungen Kolleginnen für mögliche Abenteuer im nächtlichen Aufgabenpool…Bewerben Sie sich bei unserem QI…Unterrichte, bis du zusammenbrichst und der Arzt dir einen Pilotdurchlauf vom Feinsten verpasst…sitze hier und warte auf dich, hoffend, bangend, gefangen in einer pädagogischen Serviceeinrichtung…Multiplikator bist du selbst, nun in den Fängen zunächst des Ministeriums, dann des Moderators, der Bericht erstatten wird aus der Moderatorengruppe, ohne Atempause mit kleinem Zeitfenster, der Referent, von Termin zu Termin sich abmühend vor diesem renitenten Lehrergesocks, das denkt er doch, oder?…Locker legte er los, jung und dynamisch, viertel Stunde später Schweißperlen auf der Stirn, zunehmend genervt von der Unruhe und dem Verdruss im Auditorium… Letzter Ausweg: Gruppenarbeit… schließlich am Ende blass wie ein Junkie, angefixt von all den Lernstandserhebungen, Hotlines, Internetplattformen, da hilft auch die kognitionspsychologische Fundierung nix, gar nix hilft die, verspricht das Blaue vom Himmel und hält nix, die zwölf Apostel der VERA werden den Lehrpersonen niemals vorgestellt, denn nur die Zwölf können richtige Aufgaben stellen, nämlich halboffen oder/und geschlossen, also Multiple Choice mit nur einer richtigen Antwort, nämlich valid, reliabel und objektiv, jetzt Letzteres im Sinne von: den Beurteileranteil auf Null reduzieren, in dem Moment die Lehrperson entsorgen, ja klar, muss sich keine Sorgen machen, all inclusive vorgedacht, nur noch schnell die Korrektur nach Kodieranweisungen im überschaubaren Zeitfenster erledigen und die Onlineeingabe bewältigen, das muss sie schon leisten, die Lehrkraft, dann zurück nach Landau…und schon geht die Kompetenzdefizitanalyse ihren Lauf.
Der Mensch - ein Kompetenzbeutel, zerschnitten in fokussierbare Einzelkompetenzen, Förderung an Stationen und in Binnendifferenzierung, kostet nix, Zeit genug, Sie schaffen das schon, auch ohne Korrekturtag…Jedenfalls ist das Starsteinchen gefallen, so lautet die Parole… Erschöpft faltet sich der Widerstand am Ende des langen Tages zusammen und zieht jammernd von dannen…Partikel rudimentärer diagnostischer Fähigkeiten und sich schnell verflüchtigender Förderideen schwirren umher und zerplatzen an dem soliden Gemäuer der didaktisch-wissenschaftlichen Messinstrumente, die kein Pardon geben…kein entspannter Abend am Pool…kein Schüler weit und breit…allein.
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Strunz, was bilden ein…
By claude | September 11, 2008
Lieber Jürgen,
gut gebrüllt Löwe, möchte man beinah sagen. Du hast natürlich recht: Eine Schulleitung soll offen und souverän mit Kritik umgehen können. Ach, wäre das schön, fast so schön wie die zivilisierenden Modelle der französischen Revolution, die du gerne zitierst. Wir wissen, die Guillotine war eine Erfindung des Humanismus. Nicht alles ist eben idealistisch lösbar auch bei Idealisten nicht. Ich halte mich da eher an den Realismus eines lutherischen oder wenn du so willst hobbesschen Menschenbildes. Der Mensch ist nicht gut, daher braucht es von Anfang an Leitungsfunktionen. Dann braucht man hinterher, wenn es mit Offenheit und Souveränität nicht klappt auch keine Palastrevolution oder einen Sturm im Wasserglas.
Wenn man sich an wirklich große Vorbilder hält, sollte man manchmal einfach feststellen: “Strunz, was bilden ein, Spieler spielen wie Flasche leer…” Ich gehe also auf deine Kritik ein und behaupte nicht mehr runter auf plus minus Null gerechnet: “Jeder hat seine Stärken und Schwächen!” Nein, Jürgen du hast recht, es gibt Lehrer und Schulleitungen “wie Flasche voll” und es gibt Lehrer und Schulleitungen “wie Flasche leer”.
Reden wir zunächst über “Flasche voll”: Ein französischer Automobil-Boss wurde einmal gefragt, warum sein Schreibtisch so leer sei. Er antwortete. “Mein Schreibtisch ist deshalb leer, weil jedes Dokument hier auf meinem Schreitisch ein Zeichen meines Misstrauens wäre. Mit allen Papieren, die nicht hier auf dem Schreibtisch liegen, arbeiten meine Leute.” So läuft Leitung von Leitern “wie Flasche voll”: Vertrauen, delegieren und zum Schluss, Ergebnisse kontrollieren. Wie sagst du Jürgen? Offen und souverän halt eben.
Was ist mit Lehrer (ich lasse jetzt mal die Schulleitung aus) “wie Flasche leer”? Jürgen Kaube schrieb mal in der FAZ, dass es zwei Formen der Unterrichtsstörung gibt, die einfache Störung, wie Schwätzen, aus dem Fenster gucken etc. und dann gibt es noch die zweite Störung, bei der der Lehrer und sein Unterricht Gegenstand der Beurteilung durch Schüler wird. Jürgen Kaube sagt, das erste Verhalten weicht von den Erwartungen der Schule ab, das zweite will von den Erwartungen der Schule abweichen. Strunz, was will sagen? Oder, was meinst du Jürgen, sollen die Schüler “Lehrer wie Flasche leer” ins Altglas werfen oder sich gar noch eine neue Pfandflasche mit Rückgabegarantie besorgen dürfen? Strunz, was bilden ein? Ich sage: Das dürfen die Schüler nicht, weil es nunmal auch schlechte Lehrer gibt, bzw. die Beurteilung über die Güte des Unterrichts so unterschiedlich ausfällt, dass nie mehr auch nur noch eine anständige Unterrichtsstunde ob all der Diskussionen mit unseren Schülern stattfinden würde, es sei denn vielleicht, die Lehrer hießen, Jürgen, Marius oder Claude.
Genauso halte ich es auch mit den Schulleitungen, egal ob “wie Flasche voll”, “wie Flasche leer” oder “wie Flasche halb voll oder leer”, wir brauchen sie, manchmal müssen wir leider mit ihr leben, wenn sie unsicher und ängstlich ist, manchmal dürfen wir glücklicherweise mit ihr zusammenarbeiten, wenn sie offen und souverän ist, aber niemals hoffe ich, dass ein Kollegium bestimmen darf, wer Schulleitung spielen darf, dann gäbe es erst richtig Mord und Todschlag, ach nein, zivilisiert gedacht, die Guillotine.
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… den bestraft das Schulleben
By Juergen | September 9, 2008
Lieber Claude!
Dein Beitrag reizt mich, den advocatus diaboli zu spielen und ein wenig zu polemisieren - ich hoffe, ich darf das nach einem kräftezehrenden Schultag, sozusagen als Stressabbau. Du diagnostizierst einen geradezu jakobinischen Meinungsterror, der den Frust auf “die da oben” schüre, gehst aber nicht darauf ein, ob die Kritiker, die die Schreckensherrschaft im Lehrerzimmer ausüben, inhaltlich richtig oder falsch liegen. Dein Schlussabsatz relativiert letztlich alles: Jeder tut Gutes wie Schlechtes, und dabei unterscheiden wir uns nicht, so das Credo. Gewiss, auch Marie-Antoinette, die Frau Ludwigs XVI. von Frankreich, konnte charmant sein und hatte ihre Reize - aber wiegt das ihre Verschwendungssucht und den miesen Charakter auf, der sich in Ratschlägen an die hungernde Bevölkerung à la “Wenn das Volk kein Brot hat, soll es Kuchen essen” äußerte? Kann man alles auf plus/minus Null herunterrechnen nach dem Motto: “Jeder hat seine Stärken und Schwächen”, also: Was soll’s?
Mit dem Vorwurf der verdeckten und damit bequemen Anklage hast Du sicher nicht ganz unrecht. Ich denke aber, es gibt auch eine Alternative zum “Meckern, wenn die Betroffenen nicht anwesend sind”. Sie wird mitunter auch praktiziert: Vorgesetzte direkt kritisieren. Dumm nur, wenn diese Form der Offenheit von den Betroffenen nicht goutiert, sondern mit Drohgebärden beantwortet wird. Man kann eben eine Kultur der offenen Debatte pflegen oder verhindern. Erstere ist oft ein Indikator für souveränen Führungsstil, deren Verhinderung für Unsicherheit und Angst. Führungspersönlichkeiten sollten in der Lage sein, angemessene Kommunikationsformen zu kultivieren, statt sich der Perfektionierung von Kontrollmechanismen zu verschreiben.
Wer dies als Schulleiter zu spät erkennt, den bestraft das Schulleben. Bleibt zu hoffen, dass die weisen Lenker der Schule nicht so autistisch veranlagt sind wie seinerzeit die Herren des Politbüros. Wie gab einer der Ihren in herrlicher Naivität im Einparteienparlament zum Besten - als die DDR am Ende war, bevor es ihre Führer so richtig merkten: “Ich liebe euch doch alle!” Es gab Gelächter.
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Was ist Opportunismus?
By claude | September 7, 2008
Jürgen hat in seinem vorletzten Beitrag geschildert, wie die Machtmechanismen in der Schule funktionieren. Dabei spielen auch die Kollegen eine wichtige Rolle, die sich zu Hilfsorganen der Schulleitung machen (lassen). Man kann das sehr treffend als Opportunismus bezeichnen.
Mir geht im Moment bei uns im Lehrerzimmer jedoch viel mehr eine andere Art von Oppurtunismus auf den Senkel. Es gibt scheinbar nur noch ein Thema: Was hat die Schulleitung wieder angestellt? Alle schimpfen wie die Rohrspatzen und sind sich einig in ihren Urteilen. Warum sind sie sich einig? Auch aus Oppurtunismus vielleicht? Darf man in dieser Runde denn etwas anderes sagen, als dem vernichtenden Konsens zuzustimmen? Sind nicht die lautesten Schimpfer, die sich über Karrieristen lustig machen, gerade die, die sich ihren Oberstudienratstitel vor Gericht erstritten und sich nun auf Studiendirektorenstellen beworben haben? Was heißt da, Rückgrat haben? Heißt das etwa, mit den Kollegen am Lehrer(stamm)tisch ins selbe Horn zu blasen? Heißt Rückgrat haben, immer dann auf die Schulleitung zu schimpfen, wenn keiner von ihr im Lehrerzimmer ist? Wie nannte man das 1968 gleich noch? Ach, ja, repressive Toleranz! Aber die wird ja bekannter Weise nur von den Herrschenden ausgeübt. Die Kollegen am Lehrertisch wissen diesen Begriff trefflich auf “die da oben” anzuwenden, angewendet auf ihren eigenen Diskurs hat dieser Begriff keine Berechtigung. Da wäre wohl auch zuviel Selbstansicht verlangt.
Ich sehe die Sache so: Die Schulleitung soll die Schule leiten und leitet sie, mal schlechter, mal besser. Da passieren manchmal unerfreuliche und manchmal erfreuliche Dinge… Die Lehrer sollen ihren Unterricht leiten und leiten ihn, mal schlechter, mal besser. Im Unterricht passieren manchmal unerfreuliche und manchmal erfreuliche Dinge… Das ist alles. Ach, stimmt ja, man kann, wenn es im Unterricht schlecht läuft auch schimpfen: auf die Schüler. Hauptsache, man ist selbst fehlerlos. Manchmal halt ich mich lieber ans Gesangbuch als an die lieben Kollegen: “Es gilt ein frei Geständnis in dieser unserer Zeit, ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit…”
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Sachkunde?
By claude | September 7, 2008
Meine Tochter hat in Sachkunde eine Ich-Mappe erstellt. Sehr gut gelungen. Komisch nur, dass so etwas in Sachkunde gemacht wird. Ist das nun die letzte Bastion für Persönlichkeitsbildung? Robert Spaemann, der genau den Unterschied von etwas und jemand markiert haben möchte, hätte daran jedenfalls nicht seine Freude.
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Die Fenster zum Hof
By Juergen | August 28, 2008
Es gibt Institutionen wie Regierungen, denen es in erster Linie um die Wiederwahl geht. Es gibt Institutionen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC), denen es hauptsächlich um die Vermarktung geht. Es gibt Institute wie die Banken, denen es um den größtmöglichen Profit geht. Und es gibt Institutionen wie die Schule, in der es zunehmend um Formales geht. Konferenzen drehen sich meist um Organisatorisches, Formales, um Kritik am Nichtfunktionieren. Inhaltliches spielt eine Nebenrolle. Auch die Tätigkeiten des Lehrers sind weit davon entfernt, sich hauptsächlich der Wissensvermittlung zu widmen. Ein Beispiel aus einem Oberstufenkurs mag dies belegen.
Die Stunde beginnt damit, dass eine erkleckliche Anzahl von Schülern nach vorne strömt, weil ich die Fehlzettel, von denen keiner so genau sagen kann, wozu sie dienen, unterschreiben soll. Dort stehen dann so aussagefähige Gründe für die Abweseheit wie “Krankheit”, oft vom Schüler selbst diagnostiziert, und meine Aufgabe ist es nun, dies amtlich zu bestätigen und in meinem Kursbuch, sozusagen in doppelter Buchführung, zu vermerken. Ich erkundige mich spaßeshalber nach der Art der Krankheit und empfehle je nach Schwere Kuren auf der Basis des gesunden Menschenverstandes. Danach stelle ich die aktuelle Abwesenheit bestimmter Schüler fest und protokolliere dies artig in meinem Kursbuch. Alle paar Tage soll ich zudem Berge an Informationsmaterial zur Berufswahl usw. an den Mann bringen, das nach der Stunde zum großen Teil im Papierkorb wiederzufinden ist. Auch Informationen zum Abitur, zu Studienfahrten, zu AGs und Mainzer Allerlei gilt es zu verteilen oder Formulare wieder einzusammeln. Sodann beginnt der Unterricht, der rechtzeitig vor dem offiziellen Ende der Stunde abgebrochen werden muss, damit alles seinen geregelten Gang geht: Schmutz ist ein Problem, dem sich der Lehrer zuzuwenden hat, denn die Zöglinge aus Haushalten, in denen Putzfrauen den Dreck entsorgen, lassen alles fallen, von der Pfandflasche bis zu Brotresten, von Taschentüchern bis zu Liebesbriefen. Grundreinigung ist angesagt, danach das Schließen der Fenster und das Hochstellen der Stühle, um einen Putzfrauenstreik abzuwenden. Auch das kostet Zeit. Im Fußball misst man die Nettospielzeit. Würde man das in der Schule auch einmal praktizieren, so kämen Werte heraus, die, hielte man sich strikt an die Vorgaben von oben, bei kaum mehr als 30 Minuten lägen.
Doch ein Hoffnungsschimmer bleibt: die Subversion. Auf die Gefahr hin, eine Fehlstunde zu übersehen, erfolgt ein Panoramablick über den Kurs, statt die Namensliste durchzugehen. Manches Werbematerial, dessen Nutzen ohnehin in Zweifel steht und zudem oft von dubiosen Wirtschaftsverbänden stammt, wird unauffällig ins Altpapier entsorgt, wenn man es gehortet und irgendwann vergessen hat. Niemand hat es je vermisst. Man munkelt, dass sich Kollegen mittlerweile ein kräftiges Zubrot damit verdienen, selbst den Müll in den Klassen zu trennen und die dabei anfallenden Pfandflaschen und Wertsachen versilbern; der Mann am Rückgabeautomat mit dem Sack voller Leergut muss also nicht unbedingt ein Penner, sondern könnte genausogut ein Oberstudienrat im Außendienst sein. Die 0,5-prozentige Lohnerhöhung treibt unsereinen ohnehin über kurz oder lang ins Prekariat.
Bleibt also die Problematik der im Sommer weit geöffneten Fenster. Nicht nur, dass sie Fluglärm, Glockengeläut, Pausenhofgeschrei und viele Laute mehr magisch anzuziehen scheinen; nach der Stunde mag sie niemand schließen. Gerade im dritten Stock ist die Gefahr, dass Einbrecher über den Innenhof mit einer langen Leiter einsteigen, um in Klassenräumen altes Mobiliar oder Kreidereste zu stehlen, immens hoch. So begegnete mir ein aufgelöster Kollege vor Beginn der 8. Stunde und bat mich um einen Gefallen: Er habe vergessen, die Fenster im dritten Stock zu schließen - ob ich ihm nicht aus dieser misslichen Lage befreien könne, da ich doch gleich im Gebäude sei. Ich versprach schnelle und unbürokratische Hilfe. Andernfalls zeichneten sich bereits ernsthafte Gespräche mit der Schulleitung, im Wiederholungsfall bestimmt Abmahnungen oder zumindest hässliche Vermerke in der Personalakte - “X. stört den reibungslosen Ablauf des Schulalltags, Fenster wiederholt nicht verschlossen” - ab.
Nach meiner eigenen Stunde ertappte ich mich schließlich wieder einmal dabei, wie zwei Drittel der Schüler aus dem Raum gegangen waren, ohne die Stühle hochzustellen, die Fenster zum Hof waren sperrangelweit geöffnet. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken der Totalverweigerung: Stühle unten lassen, Fenster offen - ist dies nicht ein Beleg dafür, dass man sich auf Inhalte und damit das Wesentliche konzentriert: den Unterricht? Diesen würdigt niemand. Er interessiert auch die Schulleitung nicht, es sei denn, sie ist für eine Dienstliche Beurteilung dazu gezwungen. Man interessiert sich allerdings akribisch für Pausenaufsichten, Bereitschaftsstunden, Kursbücher, Notenlisten, Umläufe, Sauberkeit des Linoleumbodens, die Pausenhofgestaltung, die Pressemappe, eine Treppe, Fünfjahrespläne und Dienstbesprechungen, letztere, um all dies an den Kollegen und die Kollegin zu bringen. Dabei ist nicht zu verhehlen, dass gerade die akribische Einhaltung von Formalitäten und Regeln - Schüler werden konsequent und massiv am Betreten der Flure in den Pausen gehindert, Verfehlungen unnachsichtig verfolgt, Klassenräume klinisch grundgereinigt - eine weibliche Stärke zu sein scheint.
Ich als Mann hatte aber hier nun wieder einmal den Salat: Der Klassenraum war in Unordnung. Trotz meiner subversiven Gedanken bat ich die vier noch anwesenden Schüler, mir zu helfen, die Stühle hochzustellen, und schloss eigenhändig die Fenster. Ich war ein guter Beamter. Dafür werde ich bezahlt. Genauso wie für guten oder schlechten Unterricht.
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Wer nicht streitet, schimpft!
By claude | August 18, 2008
Das bleibt jetzt aber unter uns, weil … ich habe mich noch nicht getraut, das mit dem entsprechenden Kollegen zu besprechen. Ich unterrichte auch Ethik. Da steht man manchmal mit den Relikollegen schon in Konkurrenz um die Gunst der Schüler, obwohl ich mich mit den Relikollegen oft besser verstehe, als mit meinen Ethik-Fachkollegen. Nun gut. Letztens traf ich eine verschämte Oberstufenschülerin nach dem Unterricht auf dem Gang. Die Begegnung hatte für sie den kleinen Schönheitsfehler, dass sie zuvor bei mir gefehlt hatte. Sie stammelte: “Entschuldigen Sie bitte, Herr Claude (Claude ist nämlich mein Nachname!), ich habe mir heute mal den Reli-Unterricht angeschaut, weil ich gucken wollte, ob ich vielleicht wechsle.”
Ich ärgerte mich: 1. Sie hatte mich nicht vorher informiert. 2. Mein Kollege hatte mich nicht gefragt, ob das in Ordnung geht. Es geht nämlich nicht in Ordnung, dass sich die Schüler den Unterricht anderer Kollegen anschauen, um dann zu überlegen, wo der interessanteste Unterricht gehalten oder die meisten Punkte verteilt werden. Ich war sofort geneigt bei ein paar anderen Kollegen an unserem Tisch zu schimpfen. Stellt dir mal vor, wie unkollegial…, was meinst denn du dazu,… das geht doch nicht,… wo kämen wir denn dahin,… usw. usf.
Ich schimpfte jedoch nicht, weil ich plötzlich dachte: Du willst doch nur schimpfen, weil du Angst hast mit dem Kollegen vielleicht einen Streit zu bekommen, was du nicht willst, weil du ihn magst und du deswegen gehemmt bist.
Diese Selbsterfahrung finde ich sehr interessant, weil ich daraus die Schlussfolgerung zog: Wer schimpft, vermeidet Streit. Das werde ich künftig versuchen abzustellen. Morgen spreche ich mit dem Kollegen. Versprochen!
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Trost für Jürgen
By claude | Juli 23, 2008
Lieber Jürgen,
du beschreibst das Phänomen “Macher” sehr treffend. Aber vielleicht gibt es ein wenig Trost, wenn auch keine Hoffnung.
Meine Lieblingsanekdote aus der Geschichte stammt von König Friedrich-Wilhelm IV. Als 1848 Revolutionäre durch den königlichen Schlossgarten zogen, fragte er seinen Hofmarschall: “Dürfen die das?” Das Beispiel zeigt eindeutig, wie wenig die “Macher” manchmal Einblick in ihre eigenen Möglichkeiten haben. Ist es kein Trost, wenn Leitungen so schlecht beraten sind, dass sie ihre Berater anbetracht auf Tischen tanzender Lehrer fragen müssten: “Dürfen die das?”? Und stell dir mal vor sie sagten: “Das dürft ihr nicht!” Da kommt dann fast schon Hoffnung auf, wenn wir uns ein tanzendes Kollegium vorstellen, oder? Sind Schulleitungen nicht genauso hilflos, wie wir Lehrer mit unseren Schülern?
Noch etwas habe ich Dir zum Trost herausgesucht. Vielleicht kennst du das schon. Das Peter-Prinzip. Laurence J. Peter versteht sich als Begründer der Wissenschaft der Hierarchologie. Ich zitiere aus den Urgründen seines Forschungsgegenstandes:
“Als kleiner Junge hörte ich, dass hochgestellte Persönlichkeiten stets genau wissen, was sie tun. “Peter”, sagte man mir, “je mehr du weißt, um so mehr erreichst du.” Also blieb ich auf der Schule bis zum College-Examen, und als ich ins Berufsleben trat, klammerte ich mich krampfhaft an jene Vorstellung und meine frische Lehrbefugnis. Während meines ersten Unterrichtsjahres regte ich mich darüber auf, dass eine Anzahl Lehrer, Schuldirektoren, Schulräte und Oberschulräte keine Ahnung von ihren beruflichen Pflichten zu haben schienen und sich als unfähig erwiesen, ihre Aufgaben zu erfüllen. So war es beispielsweise die Hauptsorge meines Direktors, dass alle Sonnenblumen an den Fenstern in gleicher Höhe waren,…”
Aus all seinen Beobachtung zum Thema “Hierarchie” leitet Peter sein universales Prinzip ab: “Viele … kommen sicherlich in den Genuss von ein oder zwei Beförderungen und steigen dabei von einer Kompetenzstufe zu einer höheren auf. Die Fähigkeit in der neuen Position qualifiziert … für einen weiteren Aufstieg. Doch bei jedem Individuum, für Sie genauso wie für mich, bedeutet die allerletzte Beförderung den Wechsel von der Stufe der Fähigkeit zu einer Stufe der Unfähigkeit. Genügend Zeit und genügend Rangstufen vorausgesetzt, steigt jeder Beschäftigte bis zu seiner Stufe der Inkompetenz auf und verharrt dort. Nach einer gewissen Zeit wird jede Position von einem Mitarbeiter besetzt, der unfähig ist, seine Aufgabe zu erfüllen.”
Ach, ich weiß nicht, vielleicht ist das Peter-Prinzip auch kein Trost, Hoffnungslosigkeit drückt es allemal aus. Sind wir selbst in der Lage und haben den Mut auf der Stufe der Fähigkeit zu bleiben, ohne nach oben zu schielen. Es scheint schon ausweglos…
Liebe Grüße von deinem Claude
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Die Macher
By Juergen | Juni 19, 2008
Es sind die Menschen, die das ganz große Rad drehen. Sie sind von sich und ihren Fähigkeiten überzeugt. Keine schlimme Eigenschaft, die aber dann gefährlich wird, wenn sie keinen erkennbaren Grund hat. Doch dies ficht diese Menschen nicht an. Sie sind zu Höherem berufen, und das wollen sie auch zeigen. Schon im Kindergarten werden sie anderen das Spielzeug nicht nur weggenommen haben, sondern waren auch noch stolz darauf. In der Schule waren es die eifrigen Lerner, die in der Schülervertretung saßen, weil es sich im Lebenslauf und bei der Bewerbung um ein Stipendium gut liest. Man hat schon hier zielsicher unter dem Etikett “Interessenvertretung” zuallererst und exklusiv die eigenen Interessen vertreten. Man hat Lehrer nach der Stunde in Gespräche verwickelt, um auch ganz sicher in der Gunst der Mächtigen zu stehen. Und es hat oft funktioniert. Im Studium haben sie zielstrebig auf das Prädikatsexamen hingesteuert, während ihre dummen Kommilitonen das studentische Dolce Vita genossen. Im Referendariat sekundierten jene Menschen ihren Ausbildern, machten alle anderen vor Lehrproben mit hysterischen, gleichwohl gespielten Versagensängsten verrückt, um danach die insgeheim immer anvisierte Traumnote nicht minder hysterisch zu bejubeln. Man bekam natürlich sofort eine Stelle, da man immer fleißig, zielstrebig und anpassungsfähig war. Auch als Lehrer begann man den Dienst, nicht ohne das Augenmerk auf zukunftsträchtige Sonderaufgaben zu richten. Die erste Gelegenheit zur Beförderung nutzte man, und wer wollte solch strebsamen Menschen den Aufstieg verwehren. Irgendwann gelangten diese Menschen ganz nach oben - zumindest bezogen auf den Mikrokosmos mit dem Namen Schule. Als Leiter oder Leiterin einer Schule war man am Ziel der Träume angelangt, um entsetzt festzustellen, dass es Menschen gibt, die nicht mitspielten bei der Selbstinszenierung der Macher: kritische Schüler, anspruchsvolle Eltern und Lehrer, die eigene Ideen haben und die Illusion hegen, diese auch umsetzen zu können. Was ist nun zu tun angesichts dieser feindseligen Welt, die das Lebenswerk des Machers/der Macherin bedroht? Man erinnert sich an absolutistische Herrschaftssicherung:
1) Man schafft sich einen Zirkel treu ergebener Höflinge, die Zugang zum Monarchen haben und dafür mit Gratifikationen aller Art belohnt werden.
2) Man etabliert ein Netz von Informanten, die alle subversiven Aktionen der Untergebenen aufspüren, um diese sodann wirksam unterbinden zu können.
3) Man zentralisiert den Machtapparat mit dem Fürsten als Gesetzgeber, oberstem Richter, Heerführer, freilich durch das Gottesgnadentum legitimiert: Über allem thront der Monarch, der sich in der Sonnensymbolik wiedererkennt.
4) Versuchter Königsmord wird exemplarisch mit der Vierteilung bestraft, als warnendes Beispiel für andere.
5) Alle öffentlichen Verlautbarungen werden überwacht und müssen vorher von dem Monarchen autorisiert werden.
6) Treu ergebene Untertanen werden in den Adelsstand erhoben und dürfen an der Tafel des Monarchen Platz nehmen.
Ein Direktor, der dieses System auf die Schule überträgt, verwendet nun immer mehr Zeit auf die Herrschaftssicherung, weil er sich umzingelt wähnt von missgünstigen Feinden. Auch die Abwesenheit bei einer Dienstbesprechung könnte ja bereits die Vorstufe zu ausgreifendem Ungehorsam sein und muss im Keim erstickt werden. Die Presse lauert und wartet nur auf ein Missgeschick. Passiert dies, ist Totschweigen oberstes Gebot. Auch die Überbringer schlechter Nachrichten sollten sich in Acht nehmen. Ein Macher ist einsam. Er arbeitet mehr als alle anderen, aber es wird ihm selten gedankt. Kritik an irgendeiner schulischen Angelegenheit ist persönliche Kritik am Macher, da er für alles verantwortlich zeichnet. Wie gut, dass es da noch die Möglichkeiten gibt, sich in Reden und schriftlichen Verlautbarungen ans Volk zu wenden, dem man die trefflichen Entscheidungen erklärt, damit es ihre Richtigkeit einsieht. In diesem System dient dem Volk, was dem Herrscher dient.
So steht der Macher oder - in jüngster Zeit auch immer öfter die Macherin - auf dem Feldherrenhügel des Direktorats und wähnt sich in einer Zeit, in der die Welt für die wirklich großen Lichtgestalten noch in Ordnung war. Und so probiert man erst ganz still und heimlich, dann immer unverhohlener, zu einer Zeit zurückzukehren, in der es hieß: “L’état, c’est moi!” Welch Glück für unsere zivilen Sonnenkönige und -königinnen, dass sich die Geschichte, die darauf folgte, nicht wiederholt. Oder doch?
P.S.: Bevor Sie sich erschrecken - diese Gegenwartsutopie ist frei erfunden, gewisse Ähnlichkeiten mit lebenden Macherinnen oder Machern rein zufällig. Falls Sie jedoch einen Vertreter dieser Spezies kennen - schreiben Sie!
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Ich freue mich
By claude | Juni 14, 2008
Bald ist sie vorbei die kindergartenabschlussschulsuchanmeldungsgeigenvorspielsommerfestvor
bereitungsaufnahmefeierabschlussgottesdienstklassenfahrtzeugniskonferenznoteneintragungs
nachnotenlehrlaufzkeinelustmehrhabenrumhängendedeklassenundgenervtekollegeninurlaubs
reifezeit.Ich freue mich.
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Was ist Macht? Eine Frage nur für Lehrerinnen und Lehrer?
By claude | Mai 22, 2008
Byung-Chul Han hat ein gutes Büchlein geschrieben: Was ist Macht? (Reclam, Stuttgart 2005) Ich zitiere relativ unkommentiert:
“Das Geschehen der Macht erschöpft sich nicht in dem Versuch, Widerstand zu brechen oder Gehorsam zu erzwingen. Die Macht muss nicht die Form eines Zwanges annehmen. Dass sich überhaupt ein gegenläufiger Wille bildet und dem Machthaber entgegenschlägt, zeugt gerade von der Schwäche seiner Macht. Je mächtiger die Macht ist, desto stiller wirkt sie. Wo sie eigens auf sich hinweisen muss, ist sie bereits geschwächt.” (9)
“Die Macht als Zwang besteht darin, eigene Entscheidungen gegen den Willen des anderen durchzusetzen. So weist sie einen geringen Vermittlungsgrad auf. … Mehr Vermittlung enthält dagegen jene Macht, die nicht gegen den Handlungsentwurf des anderen, sondern aus ihm heraus wirkt. Eine höhere Macht ist nämlich die, die die Zukunft des Anderen bildet, und nicht die, die sie blockiert. …Ohne jede Gewaltausübung nimmt der Machthaber Platz in der Seele des Anderen.” (11)
“Je mehr Macht ein Machthaber hat, desto mehr ist er etwa auf die Beratung und Mitarbeit der Untergebenen angewiesen. Er kann zwar viel befehlen. Aber aufgrund der wachsenden Komplexität geht die faktische Macht auf seine Berater über, die ihm sagen, was er befehlen soll. Die vielfachen Abhängigkeiten des Machthabers werden für die Untergebenen zu Machtquellen. Sie führen zur strukturellen Streuung der Macht.”
Ich wollte relativ unkommentiert zitieren. Also: Was ist Macht? Eine Frage nur für Lehrerinnen und Lehrer oder auch für Schulleitungen??
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Vom Wert unserer Arbeit
By claude | Mai 17, 2008
Früher sagte einmal ein Kollege auf die Frage eines Schülers, was er verdiene: “Was ich verdiene, kann mir keiner bezahlen, ich kann dir nur sagen, was ich kriege!”
Nachdem Busfahrer, die Busse zum Busfahren, Kassiererinnen die Kassen zum Kasieren und Fussballer, die Fussbälle zum Fussballspielen auf der Arbeit gestellt bekommen, haben nun auch Schullehrer das Recht, die Schulbücher zum Schulunterricht nicht selbst bezahlen zu müssen: OVG Koblenz, Urteil vom 26.2.2008. Das ist doch schon mal ein Anfang! Wir merken, langsam nimmt die gesellschaftliche Anerkennung unserer Arbeit richtig Fahrt auf.
Für mich war kürzlich eine sehr einfache Aussage eines Freundes eine Offenbarung. Ihm wurde schulintern angeboten an einer Supervision teilzunehmen. Kosten? Günstig: 150,- Euro im Halbjahr. Er sagte: “Ich bezahle von meinem Geld nichts mehr für meine Arbeit.” Mich hat die Aussage deshalb überrascht, weil er sehr engagiert ist und sich auf eigene Kosten fortgebildet hat. Er ist qualifiziert für Freizeitpädagogik und Theaterarbeit in der Schule. Mich hat die Aussage deshalb überrascht, weil ich seit einem Jahr eine Weiterbildung durchführen darf, die ich selbst bezahle und seit dem ein schlechtes Gewissen hatte. Die Weiterbildung bringt mir sehr viel für meine Arbeit in der Schule. Deshalb sehe ich mein Geld gut investiert. Warum habe ich dann ein schlechtes Gewissen? Weil die Lehrer, die sich nicht fortbilden immer auf die Faullenzer schimpfen, die deshalb fehlen? Weil die Schulleitung mir erlaubte diese Fortbildung zu machen, unter der Bedingung die Fehlzeit durch Mehrarbeit zu kompensieren und mit einer Vertretung den Unterricht vor- und nachzubereiten? Ich glaube, bei mir ist eine Schraube locker! Das wurde mir schlagartig klar, als mir der Freund das sagte. Vielleicht sollte ich doch mal eine Psychoanalyse machen - gegen mein schlechtes Gewissen.
Deshalb bin ich froh, wegen des Satzes: “Ich bezahle von meinem Geld nichts mehr für meine Arbeit!” Das ist auch eine Haltung und keine schlechte. Mir hat das neues Selbtsbewusstsein gebracht. Ich zahle etwas für die Verbesserung meiner Fähigkeiten. Das muss man nicht. Aber mir hilft es, meine Selbstachtung, meinen Selbstwert zu steigern. Das klingt vielleicht komisch, aber: Das mache ich freiwillig. Dafür kann die Schule, wenn sie will dankbar sein, muss sie aber nicht. Seit dem ich diesen Satz hörte, ist mein schlechtes Gewissen weg - auch ohne Psychoanalyse. Schaun mer mal, ob dauerhaft…
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Ich habe ein altes Wort gefunden!
By claude | Mai 5, 2008
“Alle Lehrer, gerade weil die Schulen Asyle der Muße sein sollten, müssen sich aufs leidenschaftlichste am Kampf der Geister unserer Zeit beteiligen…, damit sie aus den heißesten Bedürfnissen der Gegenwart heraus ihren Schülern, die doch lauter Kinder der Zeit sind, den Zugang zum Bedeutenden öffnen können.” (Heinrich Weinstock, Arbeit und Bildung, Heidelberg, 2. Aufl. 1956, 153.)
Kannten wir dies Wort einmal: “Muße”? Und mehr noch: die Schule gar ein Asyl der Muße? O Gott, wenn dies die Definition unserer Aufgabe und unserer Institution ist, dann machen wir uns jeden Tag schuldig an unseren Schülern. Und auch an uns? “Muße” das klingt, wie ein Märchen aus uralten Zeiten. Wie konnten wir dies Wort (und vorallem das, was hinter diesem Wort wirklich steht) nur vergessen? Wie konnten wir nur Nietzsches Warnung überhören, dass wer mit der “Uhr in der Hand denkt”, “aller guten Bildung den Garaus macht”? (Zitat bei: Dirk Kutting, Lehrer sein, Göttingen 2008, 44.)
“Muße”, das hat etwas mit gelebter Freizeit und Freiheit zu tun, das wusste man zumindest theoretisch noch vor 50 Jahren: “Es wäre deshalb nicht richtig, wenn der Lehrer die Schule als sein ausschließliches Lebensgebiet wählen würde. Er hat nicht nur das Recht, als Erwachsener im vollen Sinne zu leben, er hat sogar die Pflicht, es zu tun. Seine “Freizeit” steht damit, …, notwendigerweise im Lichte seiner Arbeit.” (M.J. Langeveld, Die Schule als Weg des Kindes, Braunschweig 1960, 161.)
Wenn man daraus nicht folgert, dass die Freizeit Arbeit mit anderen Mittel ist (vgl. nochmals Nietzsche: “Man schämt sich jetzt schon der Ruhe!” Ebd.), dann können wir aus dem bisher Gesagten den Schluss ziehen: Vor Allem Lehrer sein und vor Allem immer im Dienst sein, kommt unser Mensch sein, unser privates und gesellschaftliches Leben, die Muße. Zu schön, um wahr zu sein. Oder besser: Zu wahr, um nur schön zu sein? Vielleicht auch: Zu wahr, um nicht gelebt zu werden!
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Ich habe zwei neue Wörter gelernt!
By claude | April 4, 2008
Toll! Applaus! Würde meine Tochter sagen, aber ich finde diese Wörter wirklich interessant und unsere Situation als Lehrerinnen und Lehrer erhellend.
Soll ich die beiden Wörter sofort bringen oder sie erst ein wenig umschreiben?
Lieber erst ein bisschen umschreiben! Also das erste Wort meint ungefähr Folgendes. Kennen wir wahrscheinlich fast alle… Da wir als Menschen abhängig sind von unserer Motivation, müssen wir für die Ausführung bestimmter Tätigkeiten, die wir als langweilig empfinden, einen gewissen Widerstand überwinden. Bei manchen von uns passiert dann verstärkt, aufgrund der Tatsache, dass die Ausführung der Tätigkeit stark mit negativen Gefühlen besetzt ist, dass sie aufgeschoben wird. Bei manchen von uns ist die Fähigkeit der Aufschiebung so stark ausgeprägt, dass sie fast schon wieder in kulturelle Werte gerinnt. Nehmen wir z.B. das Schreiben eines Beitrags für unseren Lehrer-Blog. Mein Verhalten bedeutet die Aufschiebung von wichtigerer Arbeit, nämlich der ordentlichen Unterrichtsvorbereitung. Für das Blog-Schreiben nehme ich also sogar Nachteile in Kauf, nämlich liegengebliebene Arbeit. Andererseits, fiele mir anstelle des Blog-Beitrags vielleicht auch eine andere Prokrastination …, upps, jetzt ist das erste Wort doch schon rausgerutscht, wollte ich eigentlich nach ein wenig aufschieben…
Leidest du, liebe Kollegin, lieber Kollege an Prokrastination? Als Krankheit ist dies aber leider noch nicht anerkannt, obwohl es sicher Kollegen gibt, die sich deswegen manchmal krank schreiben lassen. Wenn du wissen willst, ob du von Prokrastination betroffen bist, beantworte folgende Fragen (aus einem Fragebogen von H.-W. Rückert) ehrlich:
Ich erledige Dinge meist auf den letzten Drücker.
Bevor ich mit einer wichtigen Sache anfange, muss ich erst aufräumen.
Für mich zählen nur perfekte Ergebnisse.
Ich bin eher der spontane Typ, ich mag nicht nicht festlegen.
Ich nehme mir immer wieder etwas vor, aber halte mich nicht daran.
Ich kann nicht abschalten, ich muss immer an die unerledigten Sachen denken.
Wenn du auf alle Fragen “stimmt genau” antwortest, dann ist das Prokrastinieren für dich zur Gewohnheit geworden. Du leidest und fühlst dich überlastet, aber wie gesagt, es nicht als Krankheit anerkannt, so wie Lese- Rechtschreibschwäche, AD(H)S usw. bei unseren Schülern, …warum bekommen die eigentlich alles sofort als Krankheit anerkannt, haben die die bessere Lobby als wir, hat jetzt jeder Schulelternbeirat einen direkten Draht zur Ärztekammer, oder was? (Vielleicht habt ihr es noch nicht gemerkt, eben beginne ich mit der Umschreibung des zweiten Wortes!) Also nochmal, haben die Eltern jetzt eigentlich schon einen direkten Draht zur Ärztekammer? Zumindest kriechen alle vor den Eltern, vorallem die Ministerien: Unterrichtsausfall (das ist noch nicht das zweite Wort!) wird drohend in die Schulämter hinein gerufen: Unterrichtsausfall! Und schon gibt es eine neue Verordnung und vorauseilenden Gehorsam der Abteilunsgleiter an den Schulen: Konferenzen nur noch nach 22 Uhr, sonst könnte es am Ende noch Elternabendausfall geben. Unser Schulelternbeirat hat uns einmal ein Pflänzchen geschenkt und ins Lehrerzimmer gestellt, mit lauter kleinen Zettelchen dran. Wünsche für das Kollegium! Da konnte man beispielsweise lesen: Wir wünschen uns verpflichtende Anwesenheitszeit aller Lehrer im Schulgebäude von Montags bis Freitags von acht bis sechzehn Uhr! So jetzt muss das Wort raus: Das ist strukturelle Demütigung! Alles, was in den letzten Jahren passiert, ist strukturelle Demütigung von Lehrern! Kontrolle und Reglementierung, bei gleichzeitiger Arbeitszeiterhöhung gekoppelt mit erzwungenem Lohnverzicht! Lucky und Ivo haben in ihren Kommentaren zu Jürgens letztem Beitrag Listen erstellt, die das Ausmaß struktureller Demütigung nur ansatzweise beschreiben. Alles, was eingeführt wird, soll uns Lehrer kontrollieren. Qualitätskontrolle nennt man das! Ich nenne das strukturelle Demütigung. Bevor ich mich jetzt total in das Thema eingroove nur noch ein Beispiel für strukturelle Demütigung.
Es wird oft darüber geschimpft, dass die Lernatmosphäre in den Klassenräumen nicht stimmt, weil es so laut sei. Darum müssen wir dafür sorgen, dass die Lernatmosphäre sich verbessere. Wir sollen für Ruhe sorgen, ohne die armen Kinder zu demütigen, was ich für richtig halte. Aber habt ihr schon mal etwas von der Nachhallzeit in Räumen gehört? Wenn die Nachhallzeit in Räumen höher als 0,7 s ist, dann kann man keine Ruhe herstellen! Der Hall ist zu groß. Er verzerrt! Er überlagert! Er erzeugt Lärm! Wir haben es bei Lärm also auch mit einem Problem der Raumakustik zu tun. Interessiert aber kein Schulamt, wir haben ja, Pädagogen, die regeln das…
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Die Flagge B.
By claude | März 22, 2008
Ich sage nett und freundlich zu einem Kollegen, der im Mantel an mir vorbeigeht: “Tschüß!” Seine Antwort: “Ich gehe noch nicht. Ich habe Pausenaufsicht!” Oh, ja, große Sache, denke ich, Applaus! Da war sie wieder, die Flagge der Belastung. Ich hasse sie. Ständig wird sie hochgezogen. Die Flagge B.
Ich frage montags eine Kollegin (nach einem Beispiel von einem Kollegen muss ja jetzt aus Proporzgründen nun ein Beispiel mit einer Kollegin kommen, es war aber von einem Kollegen, ich schreibe aber, es sei von einer Kollegin, nicht weitersagen…), wie sie gestern den Tatort fand. Antwort: “Ich musste korrigieren!” Die Flagge B. flott gehisst.
Dienstbesprechung: Der Oberstufenleiter (psst, es war in Wirklichkeit eine Leiterin…) erklärt vor dem Abitur, wieviel er dafür getan habe, damit für uns Alles gut laufe. Das will ich aber nicht hören, denn von ein paar anderen Leute aus dem Kollegium weiß ich, dass sie vor dem Abi auch ein klein wenig was zu tun haben. Die Flagge B. aber weht fröhlich im Wind.
Der Chef (jetzt bin ich ganz durcheinander, ich glaube, es ist wirklich ein Mann…?!) beginnt eine Gesamtkonferenz, (die jetzt immer um sechszehn Uhr beginnen, weil wir ein Ganztagsangebot haben und weil wir ja durch das Ganztagsangebot nicht früher können, weil wir ja nun länger arbeiten müssen, müssen alle erst um sechszehn Uhr mit der Konferenz beginnen, … ) also, der Chef beginnt die Sitzung damit, dass er uns erklärt, dass er viel zu tun hat. Dafür braucht er eine halbe Stunde. Das wollten alle schon immer mal hören, zumal alle erst Morgen um acht wieder Unterricht haben und daher am Spätnachmittag sowieso nicht gewusst hätten, was sie jetzt hätten tun sollen. Die Flagge B. hängt schlaff am Mast.
An meinem möglicherweise in der Darstellung der letzten beiden Beispiele etwas ironischen Unterton, kann man vielleicht merken, dass ich sie auch vor mir hertrage, die Flagge B. Leider erwische ich mich auch, sie immer wieder zu hissen. Wir dürfen nicht gut gelaunt unsere Arbeit verrichten. Wir müssen jammern, weil es viel zu jammern gibt. Aber wem nützt das? Was hilft das, außer dass es die Atmosphäre vergiftet? Was wollen wir wirklich, wenn wir die Flagge B. immer wieder nach oben ziehen? Was soll das also?
Vielleicht wollen wir einfach, dass ab und zu mal jemand sagt: Ich sehe du machst viel und manches gar nicht mal so schlecht, weiter so! Einfach manchmal ein wenig Lob und Anerkennung, das wär´s. Das wollen wahrscheinlich alle, die arbeiten, aber wir Lehrerinnen und Lehrer besonders. Weil wir so wenig Lob und Anerkennung spüren, müssen wir unter uns und anderswo die Flagge B. herumschwenken, wie nervig. Luc Besson hat in seinem Film “Angel.a” eine prima Therapie in Szene gesetzt. Da muss der arme Held des Films, der immer eins in die Fresse bekommt, lernen zu seinem Spiegelbild zu sagen: “Ich liebe dich!” Narzistischer geht´s kaum, mag man denken. Ich glaube aber, dass die Flagge B. viel mehr von Narzissmus zeugt, als eine wirkliche Selbstannahme: “Du, ich mag mich!” Mehr davon, möchte man sagen und weniger von der Flagge B.
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Die Geschundenen
By Juergen | März 16, 2008
Lehrer, laut Gazprom-Abzocker Gerhard Schröder die “faulen Säcke” der Nation, haben zur Zeit wieder einmal Ferien. Man findet sie nun an den Gates und Bahnsteigen dieser Welt, wo sie alle Klischees zu erfüllen scheinen, die der gemeine BILD-Zeitungsleser pflegt. Braungebrannt kommen sie aus dem Süden zurück und schultern bis zum Ende des ohnehin kurzen Schuljahres ein paar Unterrichtsstunden.
Die Ergebnisse der Forschungen Uwe Schaarschmidts, Experte für das Tätigkeitsfeld des Lehrers, zeigen ein anderes Berufsbild. Auch das folgende Szenario mag auf den Leser satirisch, fast schon frech wirken. Ist es aber nicht. Es zeigt den Tag eines Lehrers, wie er sich zuträgt in Deutschland - Tag für Tag.
Der Wecker ist auf 5 Uhr gestellt. Da ich in der Nacht vor dem Computer eingeschlafen bin und mich ins Bett retten konnte, muss ich früher aufstehen als sonst. Es muss noch eine Kursarbeit konzipiert werden. Ich erliege nicht der Versuchung, die komplette Klausur aus den Materialien eines hinlänglich bekannten Schulbuchverlags zu kopieren, sondern stelle eine auf den Stand meines Kurses abgestimmte Arbeit zusammen. Dieser Idealismus kostet mich bereits eine halbe Stunde Schlaf. Die Öffentlichkeit erfährt das allerdings nicht. Der erste Zwischenfall des noch jungen Tages ereignet sich, als ich über meiner Konzeption den Teebeutel in der Tasse vergesse - statt fünf Minuten lasse ich den Tee 25 Minuten ziehen und schlürfe die nun lauwarme und geschmacklich verdorbene Flüssigkeit übelgelaunt herunter. Ich habe keinen Appetit. Die Fünftklässler erwarten ihre mündlichen Noten. Ich habe sie nicht fertig. Ich werde sie auch nicht fertig machen. Das ist meine subversive Tat - eine Unterlassung, aus der Not geboren, aber, wie mir immer deutlicher wird, eine angemessene, höchst angemessene Demonstration meiner verbleibenden Selbstbestimmung.
Als ich am Bus ankomme, bin ich bereits genervt. Der Tag hätte beschaulicher beginnen können. Nun gut, er hält noch einiges bereit. Im Bus werde ich sogleich von einem Schüler lautstark mit meinem Namen begrüßt. Der ganze Bus weiß nun, dass ich ein Lehrer bin. Ich spüre feindselige, verächtliche Blicke. Es ist laut und heiß, unerträglich heiß. Eine Karikatur einer Schülerin führt ein Handygespräch und lässt den gesamten Bus teilhaben an ihrer jämmerlichen Beziehungssituation, die sie einer vermeintlichen Freundin lautstark mitteilt. Es sind dies Figuren, die man sonst nur aus den nachmittäglichen Talksendungen im Privatfernsehen kennt, bei denen man beim Zappen mitunter fasziniert hängenbleibt. Die wenigen Minuten Fahrt kommen mir vor wie eine Ewigkeit, und als ich aussteige, fühle ich mich wie nach einem anstrengenden Arbeitstag, der in Wirklichkeit gerade erst beginnt.
Im Lehrerzimmer organisiere ich mir schleunigst einen Kaffee. Ich habe Glück, dass ich erst nach einer Minute von Kollegen angesprochen werde. Wie im Schlaf sage ich “ja”, “genau”, “ach”, “interessant”, “ungeheuer”, “da kann man mal sehen” usw., bevor es auch schon klingelt. Ich warte noch geraume Zeit, um nicht den Eindruck eines übereifrigen Lehrers zu erwecken, und gehe mit fünfminütiger Verspätung in den Unterricht. Man fragt mich vorwurfsvoll, weshalb ich die Klassenarbeit noch nicht korrigiert habe. Meine Erklärungen werden als billige Ausreden eines Faulenzers abgetan. Die Stunde verläuft normal.
Die Klausur in der Oberstufe wird von den Schülern gefasst aufgenommen, verschafft mir aber postwendend einen weiteren Stapel an Korrekturstoff. Er liegt so leicht in der Hand, dieser Stapel, was mich provoziert. In Wahrheit bedeutet er nächtelange Arbeit, deren Sinn mir immer schleierhafter wird.
Die Stunde in der Mittelstufe beginnt wie üblich mit disziplinarischen Ermahnungen: Hinsetzen, ruhig sein, die Sachen auspacken. Deeskalation. Ich höre, wie meine Stimme die eines Predigers wird, der das Gute herbeisehnt. Man tut mir den Gefallen und hört mir zu. Ich bin erschrocken über die plötzliche Stille und vermute ein Komplott. Irgend etwas stimmt nicht. Ich bin irritiert, allerdings nur bis zur Kontrolle der Hausaufgaben, die wie üblich aus Marginalien bestehen. Wortfetzen, von Mitschülern abgeschriebene Versatzstücke geistiger Arbeit. Nur zwei Schülerinnen warten mit ausführlichen Texten auf. Das Unterrichtsgespräch verläuft den Umständen gemäß ertragreich, wozu meine eingestreuten reißerischen Pointen nicht unwesentlich beitragen. Erhobenen Hauptes verlasse ich den Klassenraum.
Eine Mittagspause von zwanzig Minuten erlaubt keine warme Mahlzeit. Sie erlaubt auch keine irgendwie geartete Erholung. Sie ist vielmehr ein Ärgernis, dieser Witz einer Pause! Kein Industriearbeiter würde sich so etwas bieten lassen, ohne dass die IG Metall ernsthaft mit Warnstreiks drohen würde. Doch auch wenn die Pause zwei Stunden dauerte - ein ruhiger Arbeitsplatz oder gar Erholungsraum steht nicht zur Verfügung. Wer je eine Pause in einem Lehrerzimmer erlebt hat, wünscht sich nichts sehnlicher als ein eigenes Büro, wie es Sparkassenangestellte beispielsweise haben. Die müssen übrigens auch nicht die Fotokopien für ihre Kunden aus der eigenen Tasche vorstrecken wie wir Lehrer. Sie müssen sich auch nicht ihre Arbeitsmaterialien selber kaufen und dann wortreich in der Steuererklärung begründen, wozu ein Lehrer so viele Bücher kaufen muss.
Am späten Mittag die Konferenz. Der Direktor - an anderen Schulen mag man sich heutzutage auch eine karrierebewusste Frau mittleren Alters vorstellen - verheddert sich in Formalien, die niemanden interessieren. Ältere, abgebrühte Kollegen korrigieren derweil fleißig Tests, die sie vermutlich nur geschrieben haben, um den jüngeren Kollegen ihre Chuzpe vor Augen führen zu können. Andere dösen vor sich hin, ein Kollege schnarcht gar, worauf er hinterher stolz sein wird. Nach quälenden drei Stunden wird das Kollegium erlöst und fragt sich, warum geballte Arbeitskraft in dieser Größenordnung soeben vernichtet wurde.
Ich gehe nach dieser kräftezehrenden Zeitverschwendung mit Kollegen essen. Ich habe nichts Nennenswertes den ganzen Tag über gegessen. Mein Magen zieht sich bereits krampfartig zusammen. Nach dem üppigen Essen, angereichert durch einen Tropfen Alkohol, macht sich ein lähmendes Völlegefühl breit. Ich ahne, dass die anvisierten Korrekturen auch an diesem Abend aufgeschoben werden müssen. Doch ohnehin wartet die Vorbereitung des mündlichen Abiturs: Texte auswählen, Aufgabenstellungen entwerfen. Auch heute Nacht wird es mindestens zwei Uhr. Immer gibt es etwas zu arbeiten. Nie kann in Freizeit und Arbeitszeit getrennt werden. Ein permanent schlechtes Gewissen ist die Folge. Jeder Film, den man sich im Kino anschaut, wirft die Frage auf, warum man nicht stattdessen die Klausuren korrigiert oder Unterricht vorbereitet oder endlich Eltern anruft, die auf ein Gespräch warten.
Die deutschen Gewerkschaften forderten in den 1980er Jahren die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, freilich nicht für Lehrer. Die arbeiten im Schnitt 56 Stunden, auch nachts und an Wochenenden ohne Zuschläge. Zieht man die Ferien ab, ergibt sich immer noch ein sattes Plus gegenüber anderen Berufsgruppen. Freilich sind nicht alle Kollegen gleichermaßen belastet. Lehrer mit Sport und Physik dürften über mehr Freizeit verfügen als Kollegen mit Deutsch und Englisch. Selbst schuld, könnte man sagen. Und dennoch wird es Zeit, einen Berufsstand vor der gesundheitlichen Verelendung zu bewahren, indem man für menschenwürdige Arbeitsbedingungen sorgt: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.
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Mehr Infos zur Belastungsstudie
By admin | Februar 8, 2008
Im WDR:
Interview zur Ausgestaltung des Lehrerberufs
Arbeitszeit als Belastungsquelle
In Dortmund haben Experten am Donnerstag (07.02.08) über die Zukunft des Lehrerberufs diskutiert. Ein Thema: Die Belastung der Pädagogen durch hohe Arbeitszeit. Uwe Schaarschmidt, Experte für Fragen der Arbeitsbelastung bei Lehrern, erläutert, welche Arbeitszeitmodelle sinnvoll sind.
Mehr dazu unter:
http://www.wdr.de/radio/schulportal2007/schulwelt_hautnah/archiv/lehrer_arbeitszeit/index.phtml
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Rätsel
By admin | Februar 7, 2008
Wer als erstes herausfindet, wo sich das Autorenteam auf den Fotos befindet, gewinnt einen der abgebildeten Schals! Und muss ihn dann auch tragen
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Bildungsstandards und Co.
By admin | Februar 7, 2008
Liebes Lehrerteam,
ich finde eure Texte klasse! Sie geben zu denken und sind dennoch witzig. Weiter so!
Eine Frage hätte ich nun mal an euch alle (gerne auch an die anderen Leserinnen und Leser):
Wie seht ihr mit dem Blick aus der Praxis die neuen Anforderungen an Lehrkräfte und letztendlich auch an die Schülerinnen und Schüler?
Was heißt “Bildungsstandards” für euch? Welche Folgen hat das Zentral-Abitur für Lehrerinnen und Lehrer? Was ist mit der Diskussion um Ganztagsschulen, um “eigenverantwortliche Schule”, “frühkindliche Bildung” etc.? Ist die Bildungspolitik auf dem richtigen Weg?
Wenn man den Blick nach Hessen lenkt und von Unterrichtsgarantie Plus und G8 hört, klingt das eher schaurig, oder wie seht ihr das?
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Home Office
By claude | Februar 6, 2008
Die gute Nachricht zuerst. Eine WISSENSCHAFTLICHE Untersuchung hat herausgefunden, dass Lehrer (und Lehrerinnen) durchschnittlich mehr als 52 Stunden in der Woche arbeiten. Wenn man diese Zahl zugrunde legt, dann ist unser Mehr an Ferien gerechtfertigt. JUPPIJEIJEH! Endlich gerechtfertigt!
Nun aber das Problem, wir arbeiten viel Daheim. Das sehen die Nachbarn. Das bemerken z.B. auch die Erzieherinnen im Kindergarten, immer wenn ich ein Kind hinbringe oder abhole wird gefragt: “Haben Sie heute frei oder müssen Sie erst später?” “Nein,” möchte man sagen, “ich muss heute frei!” Aber das versteht keiner. Letztens hörte ich sogar meine Frau, wie sie einen Anrufer abwimmelte, während ich am Schreibtisch saß: “Nein,… im Moment geht es nicht,… mein Mann braucht Ruhe!” Ruhe, Ruhe, natürlich brauche ich RUHE, auch wenn ich nicht im Krankenhaus liege, sondern einfach meinem Job nachgehen möchte. “Mein Mann ARBEITET!”, wäre also die korrekte Antwort gewesen. (”tc” möchte man sagen: teacherly correct!)
Vielleicht naht jedoch Rettung aus dem Bereich des Managements. Oft höre ich inzwischen Freunde, die in der Unternehmensberatung arbeiten, wochentags sagen: “Ich muss heute nicht zu Kunden. Ich habe heute home office!” Welch glücklich gewähltes Zauberwort für “zu-Hause-rumhängen”: Home office, HOME OFFICE das klingt gut, das will ich auch, ich mache jetzt immer nur noch HOME OFFICE, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze.
Komisch finde ich nur, dass dieses Wort möglicherweise eine Erfindung deutscher Mananger ist, die vielleicht kein englisch können. Machen Manager in England oder in den USA auch home office? Ich weiß nicht! Mein Langenscheidt übersetzt das Wort nämlich mit “Innenministerium”. Der Gegensatz zu “outwork” ist meines Wissens “home-work”. Das könnte man vielleicht auch mit Hausaufgabe übersetzen? Machen wir dann richtig “tc” gesagt, daheim am Schreibtisch “Hausaufgaben”? Oder so ähnlich? Ich jedenfalls mache nur noch “HOME OFFICE”!
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Lassen Sie mich ausreden!
By claude | Januar 30, 2008
Mein erstes Erlebnis in einem Seminar an der Uni war beeindruckend wie unschön. Der Professor wollte die Veranstaltung beginnen, als eine Kommilitonin aufsprang und sagte (besser: schrie): “Wir müssen zuerst über die Demo gegen die Startbahn-West diskutieren!” Der Professor verbat sich diese Einlassung und beide fingen an gleichzeitig zu schreien:
“Lassen Sie mich ausreden!”
Das ging solange, bis der Professor zornig, schreiend und Türe schlagend den Saal verließ. Ich war einigermaßen geschockt und erinnere mich immer wieder an diese Szene, wenn jemand sagt: “Lassen Sie mich ausreden!”
Bei Badesalz gab es die Figur des “Hessi James”. Erinnert sich noch jemand an den? Das war einer, der soviel babbelte bis einem das Blut aus dem Ohr lief. Das finde ich ungerecht. Warum muss den Hörern Blut aus dem Ohr laufen? Könnte es nicht auch mal anders sein? Das ist so ein kleiner (perverser?) Traum von mir. Immer wenn jemand sagt: “Lassen Sie mich ausreden!” Lässt man ihn ausreden und es passiert das gleiche, das mit einem geschächteten Lamm passiert, langsam, ganz langsam redet und spricht sich das Gegenüber aus, bis es schließlich bleich und blutleer vor einem liegt. Er hat ausgeredet! Zu pervers, diese Vorstellung? Nein, nicht zu pervers, aber zu unrealistisch. Habt ihr schon mal Jemanden erlebt, der darum bat ausreden zu dürfen und der dann wirklich einmal an ein Aus kam, um dann seinem Gegenüber aufmerksam zuzuhören. Ich nicht! Darum liebe ich diesen leicht “perversen” Klang, der im Wort vom AUSreden liegt. Nehmt es wie ihr wollt, es ist einfach die hilflose Vorstellung eines ohnmächtigen Menschen.
Ein kleiner pädagogischer Hinweis zum Schluss. Manchmal hat mir geholfen, einen AUSredner zu fragen: “Du, ich habe vergessen, was du am Anfang sagtest, kannst du das nochmal wiederholen? Das fand ich wirklich bedenkenswert.” Manchmal ist dann ein paar Sekunden lang Schweigen. Das funktioniert auch hin und wieder im Unterricht: “Wiederhole noch einmal deinen ersten Satz, der war wirklich gut!”
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Abgerechnet wird zum Schluss
By marius | Januar 18, 2008
Hektik im Lehrerzimmer! Große Ordner, nach Klassen sortiert und mit den Zeugniskarten der Schüler gefüllt, stehen drohend im Regal. Die Korrekturen noch in den Knochen suche ich den Ordner der Klasse XY. Er ist nicht da, verdammt, dabei habe ich gerade jetzt Zeit zum Eintragen. Ein bisschen stolz bin ich heute Morgen hierher gekommen, weil ich es geschafft habe, meine Noten bereits zwei Tage vor NOTENSCHLUSS weitgehend fertig zu stellen. Überall ist jetzt die Rede vom NOTENSCHLUSS, ein gewaltiges Wort geknüpft an ein magisches Datum, trügerische Entlastung und Druckmittel für Schüler, Damoklesschwert für viele Lehrer: “Ach, Herr…, morgen ist doch NOTENSCHLUSS, da können Sie aber nächste Woche nicht meine Hausaufgaben benoten!” “Warum muss der NOTENSCHLUSS eigentlich schon zwei Wochen vor der Zeugnisausgabe liegen?” “Was, heute um 12 Uhr ist NOTENSCHLUSS?” Gefühle wie Wut, Verzweiflung und Neid laden das Lehrerzimmer auf. Da sagt am ersten Tag nach Beginn der Noteneintragsfrist ein selbstzufrieden grinsender Mathelehrer zu mir, er habe alle Noten eingetragen. Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien verkündete er stolz in meine Richtung blickend, er habe bereits alles korrigiert und freue sich auf zwei Wochen Entspannung in den Alpen. Kein Gipsbein trübt jetzt die freudige Stimmung meines “Kollegen”. Na ja, Mathe! Meine Aufgabe des geisteswissenschaftlichen Notenmachens ist da wohl etwas komplizierter: Ein komplexes Gefüge aus Qualitäten und Eindrücken, quälende Reflexion, das Leben in hoch differenziertem Vollzug werden reduziert auf einen Zahlenwert. Das hat auch seinen Reiz. Wenn man überlegt, wieviel Blut, Schweiß, Tränen, Selbstzweifel sich hinter manch einer Note verbergen, die nun sauber im Notenbuch steht und mit anderen addiert und subtrahiert wird, um eine ENDNOTE zu erhalten, dann erscheint es fast als Zauberei, was hier geschieht: Ich sitze mit dem Taschenrechner da und ermittle die Noten unter Ausschaltung fast aller anderen Hirn- und Körperaktivitäten. Die Reduktion tut auch gut! Wie objektiv alles plötzlich ist! Störend nur gelegentliche Zwischenwerte wie 1,5 oder 3,45. Und manchmal ist auch eine 2,7 noch eine 2,4. Und eine 3,4 eigentlich eine 3,9. Die Noten für die Oberstufe werden direkt in den Rechner eingegeben. Vier Laptops laden in den letzten beiden Tagen vor NOTENSCHLUSS nicht zum Verweilen ein. Hier gehts zur Sache, ein Platz muss erobert werden, die Anleitung zur korrekten Eingabe liegt aus, dennoch hat manch ein Kollege hier schwer zu kämpfen, einige tun dies lautstark, bisweilen sogar unter Tränen: “Das darf doch nicht wahr sein, wie komme in denn jetzt in meinen Kurs rein?” “Wie heißt noch mal das Kennwort?” “Speichert der nicht automatisch?” “Dieser unausgereifte Mist, ich hab daheim ein viel besseres Programm!” “Wie ist das noch mal mit der Gewichtung: Mündlich ein Drittel und schriftlich zwei Drittel? Warum macht das nicht dieser Scheiß-Computer?” Die Informatikcracks stehen kopfschüttelnd im Hintergrund, manchmal lassen sie sich dazu herab, etwas von ihrem Herrschaftwissen preiszugeben. Der Kollege ohne Gipsbein steht in einiger Entfernung und sagt nur: “Wenn nicht fast alle erst in den letzten beiden Tagen vor NOTENSCHLUSS hier eintragen würden, dann gäbe es auch nicht diese Wartezeiten. Es liegt nicht an den Laptops, sondern an euch.” “Mögest du an deinem Brötchen, das du gerade so genüsslich vertilgst, ersticken”, kommt es als nonverbale, aber spürbare Botschaft von den Terminals. Nach dem NOTENSCHLUSS ist vor dem NOTENSCHLUSS, denke ich noch und ziehe von dannen, nachdem ich mich von der letzten Note getrennt habe.
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Massendemo gegen Fiktion
By claude | Dezember 31, 2007
Früher fand ich es sehr lustig, als ich hörte, dass sich Fernsehzuschauer beim austrahlenden Sender der “Lindenstraße” meldeten, wenn dort ein Möbelwagen parkte. Sie wollten die freiwerdende Wohnung mieten, um so auch mal ins rechte Bild gerückt zu werden. Eigentlich ein verständlicher Wunsch. Von großer Treue gegenüber der “Lindenstraße” zeugten auch die “Pampers” Pakete, die regelmäßig bei der Redaktion eintrafen, wenn ein neuer Erdenbürger das Licht der Fernsehspots erblickte.
Letztens lachte ich weniger, als zwei Schülerinnen aus Protest meinen Unterricht verließen. Ich hatte in der letzten Unterrichtsstunde vor den Ferien zwei Kurse mit fünfzig Schülern (und innen) zu betreuen und zeigte in didaktischer Not und aus persönlicher Freude eine dänische Komödie. Ich verstehe, wenn dänischer Humor nicht jedermanns (und fraus) Sache ist. Ich war dann aber doch recht verstört, dass die ironische Fiktion des Films nicht durchschaut wurde, sondern anscheinend für ernst gemeinte Wirklichkeit gehalten wurde.
Nun wurde dieser Vorgang aber bestätigt und getopt. Ich ärgerte mich schon über den Vorspann zum NDR Tatort “Wem Ehre gebührt” mit Maria Furtwängler (den ich aus der Erinnerung zitiere): “Diese Sendung enthält eine fiktionale Handlung. Die in der Sendung vorkommenden Personen sind frei erfunden. Es sollen keine Gefühle von Aleviten verletzt werden.” Ich sagte zu meiner Frau zu Beginn des Films (!): “Muss man jetzt schon Fiktion als Fiktion deklarieren? Hast du schon mal einen Vorspann gelesen: “Dieser Film möchte keine Gefühle von Taxifahrern verletzten”, wenn darin ein Taxifahrer gegen die StVO verstieß? Meine Frau wollte nicht klein beigeben und sagte: “Das ist doch was anderes, hier geht es um die religiösen Gefühle einer Religionsgemeinschaft.” Ich musste ihr religionspolitische Korrektheit attestieren, konterte aber, dass es keinen Vorspann in der Art geben würde, wenn ein evangelischer Pfarrer seine Tochter sexuell missbrauchte oder ein katholischer Priester junge Ministranten verführte… Sie gab mir Recht, sie wollte den Tatort sehen…
Nun kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Zuerst wurde Klage gegen den NDR eingereicht, dann demonstrierten in Köln zehn bis zwanzigtausend Aleviten. Die Regisseurin wird als geistige Brandstifterin betrachtet. Wir haben Demonstrationsfreiheit. Vielleicht hat die Demo auch ihr Gutes und bald wird gegen die Gewalt im Fernsehn, in der Bibel und im Koran demonstriert! Vielleicht bekommen wir dann bald eine friedlichere Gesellschaft. Übrigens besagt eine Zahl, die neulich eine Sozialwissenschaftlerin mitteilte: Fünfzig Prozent aller Jugendlicher, die in Deutschland in die Obhut der Jugendhilfe genommen werden, haben türkische Eltern und erlebten von ihnen Gewalt (auch wenn dies in den seltensten Fällen sexuelle Gewalt ist). Dies lässt sich angeblich in der Sinus Studie nachlesen und ist so weit ich weiß keine Fiktion. Aber ich möchte kein Öl ins Feuer gießen: Ich mag Türken und Kurden und finde furchtbar, dass es Krieg zwischen beiden gibt. Mich interessiert an dem Vorgang nur die Tatsache, dass es hier eine Bildungsaufgabe gibt: Selbstdistanz und Selbstkritik. Mich ärgert übrigens auch schon, dass ich beim Schreiben dieses Beitrags ständig überlege, was darf man schreiben und was nicht. Einem Teil der muslimischen Gemeinde ist es gelungen die Meinungsfreiheit einzuschränken. Ich denke voll Sorge an die Regisseurin, die sich sicher sehr real bedroht fühlt, obwohl sie versucht hat, um Entschuldigung zu bitten.
Für uns alle aus dem “Wörterbuch der philosophischen Begriffe”:
Fiktion, von lat. fictio “Bildung, Gestaltung, Erdichtung”, das Dichten und die Dichtung, 1. in der Rhetorik eine Argumentationsfigur, die eine Annahme als wahr voraussetzt, um ein zur Rede stehendes Problem zu erhellen, 2. in der Wissenschaft als methodisches Hilfsmittel eine bewusst widerspruchsvolle oder falsche Annahme, die nichtsdestoweniger zu einem richtigen Ergebnis, zur Bewältigung einer sonst unlösbaren Aufgabe oder zur Erreichung eines praktischen Zwecks führen kann, …, solche Annahmen pflegen durch die Worte als ob als Fiktion gekennzeichnet zu werden. … Unter Fiktion versteht man auch allgemein bewusste Erfindungen, Vorstellungen, die nicht direkt aus der Wahrnehmung der Wirklichkeit hervorgehen.
Es lebe die Begriffsarbeit und die Selbstdifferenz!!
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Die Bescherung
By Juergen | Dezember 20, 2007
Alle Jahre und Ferien wieder: Man hat es minutiös geplant wie bereits im Vorfeld der Herbstferien (siehe “Die Korrekturen”…). Wenn jede Woche eine Arbeit geschrieben wird und ich jedes Wochenende eine Arbeit korrigiere, werde ich Ferien ohne Stapel von Korrekturen genießen können. Diese Mal wird es bestimmt klappen. Irgendwann muss die Rechnung modifiziert werden: Wenn ich eine Arbeit in der Woche und eine am Wochenende abwickle, wird das Ziel immer noch erreichbar sein. Eine Woche vor Weihnachten dann die erneute Lageänderung: Wenn ich das Pensum erhöhe und in einem Kraftakt zwei Arbeiten in einer Woche schaffe, kann ich die Stapel zumindest von vier auf zwei herunterschrauben. Die Realität dann am ersten Tag der Weihnachtsferien: Zwei verschiedenfarbige Heftstapel und zwei Konvolute an losen Blättern warten seelenruhig auf ihre Bearbeitung, sie scheinen uns frech anzugrinsen, zunehmende Ablehnung erzeugend. Man beginnt damit, sie zu verdecken - mit der Programmzeitschrift oder bei ganz üblen Kursarbeiten auch einmal mit Altpapier… Man beginnt sie zu hassen, stellt sich Szenarien vor, in denen man der Plagegeister mehr oder weniger unschuldig beraubt wird - Einbrecher hinterlassen eine verwüstete Wohnung und nehmen nichts an Wertsachen mit, dafür aber verschwinden ganze Heftstapel, deren verkohlte Überreste in einem entlegenen Waldgebiet von verspäteten Pilzsammlern gefunden werden. Die Verärgerung bei allen Beteiligten hält sich in Grenzen und man entschließt sich zu einer allgemeinen Schweigespirale.
Nach diesen beschämenden Tagträumen wieder bei Sinnen, redet man sich ein, nach den ersten Heften werde einem die Korrektur Spaß machen, um diesen mehr als obszönen Gedanken schnell zu verwerfen. Dieser Selbstbetrug hat noch nie funktioniert, wieso also ausgerechnet dieses Mal? Eine weitere Strategie ist die der Belohnung: Nach der Erledigung des ersten Stapels gönnt man sich ein schönes Essen, neue Kleidung, … Doch da man nicht verhungern will, genehmigt man sich bereits zur Motivation ein schönes deftiges Essen, nach dem man freilich mit einem Völlegefühl abhängt, unfähig zu einem klaren Gedanken, da natürlich noch ein oder zwei Gläschen Wein das schlechte Gewissen in Schach halten und Mut machen sollen, frisch ans Werk zu gehen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ganz schwach, so dass uns Mutter Natur die Marschrichtung vorgibt: ab ins Bett! Es liegen also weiterhin viele bunte Stapel bereit, die unter dem Weihnachtsbaum inmitten der anderen bunten Geschenkverpackungen gar nicht weiter auffallen - Phase der Verdrängung. War da noch was? Aber doch bitte nicht am Heiligen Abend!! Geradezu blasphemisch der Gedanke, zum Weihnachtsoratorium profane Aufsätze zu korrigieren. Hinzu kommt der kulinarische Aspekt: Da viel und gut gegessen wird, kann man nicht korrigieren, und da man nicht viel und gut essen kann, wenn man viel korrigiert, bleibt keine andere Wahl als der psychologisch, medizinisch und fachlich indizierte Aufschub und damit eine zusätzliche Bescherung.
Aber all das ist im Grunde kein Problem: Wenn in den Ferien an jedem Tag fünf Arbeiten korrigiert werden, bin ich am letzten Ferientag durch. Wo ist das Problem? Wieso die Hektik im Vorfeld? Nach der ersten Ferienwoche steigt das Pensum dann auf zehn Klausuren pro Tag, aber auch das ist noch theoretisch möglich.
Hat etwa unser Ex-Kanzler recht, wenn er Lehrer als “faule Säcke” bezeichnet, oder der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, wenn er betont, er habe das Wochenpensum eines Lehrers bereits Dienstag mittag geschafft? Sind wir Opfer unserer großen Flexibilität geworden, um die uns unwissende Werktätige beneiden, die gar nicht wissen, wie gut sie es haben, um 16 Uhr nachmittags die Füße hochlegen und den Fernseher ohne schlechtes Gewissen einschalten zu können? Oder ist es das mythische Streben nach Unerreichbarem, das aufzugeben im großen Plan der Schöpfung nicht vorgesehen ist? Eine lyrische Variation dieses zeitlosen Themas, in das wir Lehrer unzweifelhaft verstrickt sind, offeriert uns C.S. Lewis in dem Gedicht “The Landing”:
The ship’s stride faltered with her change of course, awaking us.
Suddenly I saw the land. Astern, the east was red;
Budding like a flower from the pale and rippled vacancy,
The island rose ahead.
All, then, was true; such lands, in solid verity,
Dapple the last sea that laps against the sky;
Apple-gold, the headlands of the singing Hesperides
On glass-clear water lie.
Once before I’d seen it, but that was from Helicon,
Clear and distinct in the circle of a lens,
Peering on tip-toes, one-eyed, through a telescope
Goddesses’ country, never men’s.
Now we were landing. Bright beasts and manifold
Came like old familiars, nosing at our knees;
Nameless their kinds–Adam’s naming of the animals
Reached not those outer seas
Up from the shore then, benumbed with hope, we went upon
Danceable lawns and under gum-sweet wood,
Glancing ever up to where a green hill at the centre of
The hush’d island stood.
We climbed to the top and looked over upon limitless
Waters, untravelled, further west. But the three
Daughters of Hesperus were only painted images
Hand-fast around a tree,
And instead of the Dragon we found a brazen telescope
That burned our eyes there, flashing in the sun.
It was turned to the west. As once before on Helicon,
We looked through it, one by one.
There, once again, I beheld it, small and perilous,
Distant beyond measure, in the circle of the lens
–But this time, surely, the true one, the Hesperides’
Country which is not men’s.
Hope died–rose again–quivered, and increased in us
The strenuous longing. We re-embarked to find
That genuine and utter West. Far astern and east of us
The first hope sank behind.
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Koma Kreide
By claude | November 9, 2007
Ein paar Äußerungen von Schülern, die mir alle in dieser Woche begegneten, machen mich betroffen:
Eine Schülerin der 6. Klasse sagt: “Wenn Lehrer nicht reden, dann schreiben sie etwas an die Tafel. Wir müssen entweder zuhören oder abschreiben.” Für manche Phasen meines Unterrichts mag dies auch zutreffen. Ich denke: Deswegen stellt wahrscheinlich die Kreide unserer Schule eine Firma namens “KOMA” her. Aber im Internet finde ich leider keinen Eintrag einer Firma “KOMA Qualitätskreide”…
Ein Schüler der 7. Klasse schreibt in einer Hausaufgabe: “Ich warte sehnsüchtig darauf, dass ich nicht mehr ins Ganztagsangebot gehen muss. Jeden Nachmittag komme ich erst nach 5:00 Uhr zu Hause an. Ich verliere völlig den Kontakt zu meinen alten Feunden und in der Schule habe ich Angst ausgelacht zu werden, wenn ich mich melde. Ich fühle mich einsam.” Ich kann ihn nur zu gut verstehen, was kann ich tun, außer ihn persönlich zu ermutigen?
Eine Schülerin aus der 10. Klasse beschwert sich, dass sie viel zu unselbständig gehalten werden. “Ich möchte mehr Selbständigkeit. Ich wünsche mir, dass wir uns eigenständig Dinge erarbeiten können und dass dies nicht nur in den Hausaufgaben zu tun ist, sondern dass wir dazu Raum und Zeit in der Schule haben. Ich wünsche mir so etwas, wie einen Werkraum auch für Denkfächer.” Eine andere Schülerin ergänzt: “Ich wünsche mir auch einen Platz zum Lernen in der Schule und dazu feste Stunden im Stundenplan, nicht nur eine Stunde nach der anderen mit 20-30 Leuten in einem Raum.”
Ein weiterer Schüler aus dieser Klasse: “Ich langweile mich zu Tode. Ich will öfter im Unterricht in Anspruch genommen werden. Ich will Aufgaben bekommen, mit denen ich mich persönlich auseinandersetzen kann.”
Mit solchen Aussagen im Kopf gehe ich in den Unterricht meiner 11. Klasse. Bisher dachte ich: “Das Thema, das wir gerade behandeln, mögen sie nicht, gut, aber immerhin mag ich es. Das ergibt vielleicht immerhin einen besseren Unterricht, wie wenn es umgekehrt ist.” Heute kann ich nicht so denken. Ich bin zu sehr dabei “wie mein Unterricht ankommt”. Ganz schlechter Gedanke. Ich stelle mich in Frage, nehme mir den Wind aus den Segeln und verliere den Spaß an dem Thema, auf das ich mich wirklich gut vorbereitet habe. Und natürlich produziere ich in einer selbsterfüllenden Prophezeiung eine langweilige Doppelstunde.
Einfacher ist es, nicht an die Schüler zu denken und sein Ding durchzuziehen. Oder?
Da fallen mir noch ein paar Aussagen von Eltern ein, die ich auch in dieser Woche zu hören bekam:
Eine befreundete Mutter: “Der Elternabend von meinem Sohn war deprimierend. Eine unglaublich schlechte Stimmung und die Mathelehrerin sagte allen Ernstes: Sie brauchen mich über Ihre Kinder nichts zu fragen, die kennen ich noch nicht mit Namen.” Ein Freund holt seine Tochter bei uns ab. Ich sage ihm freudestrahlend: “Ihr braucht heute Abend kein Mathe mehr zu üben. Ich habe schon mit beiden gelernt.” Seine Reaktion: “Und wer war besser, meine oder deine Tochter?” … Was soll man da sagen? Da fällt mir nichts mehr ein. (Besser gesagt, mir fällt eine Menge ein, ich verbiete mir aber es aufzuschreiben!)
Ach und dann gab es auch noch eine Begegnung der dritten Art mit einer Kollegin. Wir hatten eine Feuerwehrübung. Alle Schüler sollten hinter eine Absperrung treten. Ich verwechselte die Kollegin mit einer Schülerin, zog sie leicht am Arm und sagte: “Kommt, geht bitte alle hinter die Absperrung!” Sie schrie mich an: “Behandeln Sie mich nicht wie ihr Dienstmädchen.” Ich kann nur verdattert denken, das mir das fern liegt. Eine Stunde später überlege ich, sei nicht beleidigt, gib dir einen Ruck, rede noch mal mit ihr. Ich gehe in der Pause auf sie zu: “Sagen Sie einmal Frau XY, können wir unseren kleinen Streit von vorhin nicht beilegen?” Sie fährt mich an: “Dann müssen Sie auch einen Schritt auf mich zugehen!” Mir fällt schon wieder nichts mehr ein. (Oder besser gesagt, siehe oben…)
Das war wohl nicht meine Woche. Ich wünsche mir nur noch heute abend früh in ein traumloses Koma zu fallen oder vielleicht doch besser antipädagogische Träume zu träumen?
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Alles Gewalt?
By claude | Oktober 31, 2007
Zwei Schüler raufen sich. Der eine hat den anderen im Schwitzkasten. Da geht man als Lehrer hin und sagt natürlich: “Lasst das mal schön bleiben! Das machen wir hier nicht. Keine Gewalt!” Ist das richtig? Diese Schüler sind bei uns im Ganztagsangebot bis um 16:00 Uhr untergebracht. Wann haben sie dann eigentlich überhaupt die Möglichkeit, sich körperlich zu messen? Ist es nicht viel besser, sie können wirklich miteinander raufen (eins gegen eins!) als wenn sie zu Hause alleine Ballerspiele am PC machen? Schreiten wir nicht zu schnell ein? Sind wir nicht selbst Opfer einer gutmeinenden Pädagogik? Keine Gewalt!
Wie segensreich entlastend hören sich da die Worte von Janusz Kortczak an, wenn er seinen Jungs im Heim die Maxime mit in den Kampf gab: “Nicht zuerst auf die Nase hauen! Das beendet den Kampf zu schnell! Das machen nur Proleten!” Jedoch sind solche Sätze für uns heutige wohlmeinende Pädagogen undenkbar! Und vor allem unlebbar!
Dagegen waren wir selbst doch auch keine Musterknaben. Zu meiner Schulzeit war es in der 9. Klasse Mode, Mitschülern im Vorbeigehen in den “Sack” zu hauen. Das mag man heute als latent homosexuell sehen, es war jedenfalls brutal und manchmal schmerzhaft, aber hat uns viel Spaß gemacht. In der 10. Klasse gab es dann eine andere Mode. Wir nannten es “abbauen”. Wenn vor uns eine Mitschüler mit seiner Schultasche ging (wir hatten bekanntlich noch keine Scouttaschen auf dem Rücken, jeder trug seine Tasche in der Hand!), dann musste man ihm überfallartig von hinten die Tasche aus der Hand treten. Auch das hat viel Spaß gemacht. Kein Mensch (und auch kein Lehrer) hat das bemerkt oder darüber auch nur ein Wort verloren. In der 11. Klasse wurde es dann üblich, sich nach einem abendlichen Kneipenbesuch vor unserer Schule (die wir im Herzen wirklich sehr liebten!) zu entleeren. Daran denke ich heute mit Peinlichkeit, aber ich ordne dies als entwicklungsbedingtes, episodenhaftes Verhalten ein.
Allerdings einmal lief es bei uns in der 10. Klasse anders. Wir spielten in der Pause, wenn die Lehrer zu spät kamen “Schlachten”. Ein Schüler, es war meist der Selbe, wurde aufs Lehrerpult gelegt und symbolisch “geschlachtet”. Zu meiner Entschuldigung kann ich sagen, dass ich dabei nicht mitmachte, aber immerhin zusah. Als dieser Schüler dann einmal krank war, sagte uns unser Klassenlehrer, dass es ihm mit uns gar nicht gut gehe und er sich sehr unwohl fühle. Mit dieser Ansprache war das “Schlachten” in unserer Klasse beendet. Der Schüler war von da an ein geachteter und beliebter Klassenkamerad. Und ich darf hinzufügen, er wurde ein guter Freund.
Vielleicht kommt es ja darauf an, ein Gespür zu entwickeln, wann wir als Lehrkräfte eingreifen und wann nicht, wenn sich Schüler raufen. Aber wir sollten nicht mechanisch reagieren. Wie sagt Hannah Arendt? “Was unter Kindern ist, das regeln sie selber!” Ihre Mutter protestierte nur, wenn die Lehrer judenfeindliche Bemerkungen äußerten. Wenn sich die Klassenkameraden von Hannah daneben benahmen, musste sie lernen, sich selbst zu wehren. Was Hannah Arendt bekanntlich gut hinbekam! Dennoch: Ich bin froh, dass unserer damaliger Lehrer uns wegen unseres Klassenkameraden ins Gebet nahm.
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Die Korrekturen
By Juergen | Oktober 20, 2007
Es ist wieder soweit. Zum Ferienbeginn hat man sich wieder einmal geschworen, sofort damit zu beginnen, die lästigen Stapel an Klassen- und Kursarbeiten abzuarbeiten. Einen Tag gönnt man sich noch zum Ausspannen, einen zweiten, um ins Kino zu gehen, schließlich einen dritten, um ein lange angefangenes Buch fertigzulesen, einen vierten, um den letzten schönen Oktobertag zu genießen, einen fünften, um Freunde zu besuchen, einen sechsten, um mal ungehemmt zu shoppen, und einen siebenten, um sich Ablenkung zu verschaffen von den Stapeln, die nun immer ungemütlicher werden. Das permanent schlechte Gewissen, unsere Berufskrankheit, muss verdrängt werden. Zerstreuung hilft.
Die zweite Ferienwoche beginnt, ohne dass man irgendeine Zeile der Arbeiten gelesen hat. Nun aber frisch ans Werk! Angefangen mit der unteren Klasse, die Aufsätze nerven zwar, nachdem man zum dreizehnten Mal die gleiche Erlebnisgeschichte gelesen hat, aber die Kleinen freuen sich schließlich über die Rückgabe der Arbeit direkt nach den Ferien. Nun aber erst mal einen Tag Pause, bevor man sich an die Oberstufenklausur wagt. Der Anfang ist immer das Schwerste. Und dann das übliche Gemetzel: Es muss ein Wust an Wortschwällen verstanden, weggestrichen, korrigiert, lesbar gemacht werden, um hernach dafür eine Note festzustellen, die das ganze Ausmaß der intellektuellen Irrfahrt nur schwer auf den Punkt zu bringen vermag. Der Beginn war eine rechte Qual. Als nächstes fische ich eine Arbeit heraus, von der ich annehme, dass sie verständlicher ausgefallen ist, allerdings um den Preis der Überlänge - 11 Seiten! Auch hier möchte man mindestens vier davon wegstreichen, unterlässt dies aber aus falsch verstandener Toleranz und Dankbarkeit gegenüber einer Schreibfähigkeit, die heute die Ausnahme darstellt. Und so entwickelt jede Arbeit ihre eigene Geschichte. Nach vier Klausuren muss ich eine Pause einlegen. Die Wiederkehr der immergleichen Phrasen ermüdet wie das Laufen in einem Hamsterrad, so dass ich Zerstreuung suche - im Internet. Nach der Durchsicht meiner Mails, die außer einem Schwall Spam nichts Wichtiges zutage fördert, erinnere ich mich an einen Lehrer-Blog, der ein Remedium darstellt - für meine Kollegen und mich. Denn hilft er nicht, uns Idealisten zu verstehen und die Schicksalsgemeinschaft der Pädagogen zu festigen? Zwar bleiben die restlichen Klausuren nun eine weitere Nacht liegen, aber fast zwei Tage bleiben noch, in denen ganz sicher geschwitzt wird, um die Korrekturen auf den letzten Drücker abzuschließen.
Am Montag in der Schule wird freilich folgendes Bild der Ferien eines Schulmeisters die Oberhand gewinnen: Während die Schüler zwei Wochen lang Sonne im Süden getankt und ansonsten keine Party ausgelassen haben, musste ich durchkorrigieren - gefühlte 200, tatsächliche 50 Arbeiten. Aber für 0,5 Prozent Gehaltserhöhung war auch beim besten Willen icht mehr drin. Doch im Ernst: Wie wäre es, statt zentraler Abiturstandards erst einmal akzeptable Rahmenbedingungen zu schaffen: keine G-8-Crash-Bildung, sondern Zeit für Schule und Freizeit; keine Ganztagsschule als Familienersatz, sondern vorherige Erziehungsarbeit im Elternhaus; keine Leistungskurse mit weit über 20 Schülern. Dann könnte ich auch die Ehrfurcht vor einem Stapel abbauen, der dann nicht mehr 25, sondern 15 Arbeiten umfasst - auch wenn dann nicht ausgeschlossen ist, dass die Korrektur wieder auf den letzten Drücker erfolgt.
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Alles Mobbing oder was?
By claude | September 18, 2007
Natürlich weiß ich, dass man vorsichtig mit vorschnellen Urteilen sein soll, a b e r ich bin eindeutig der Meinung, unsere lieben Kollegen und Kolleginnen sind in der Mehrheit zu schnell dabei, von Mobbing zu sprechen oder noch schlimmer, sich als Mobbing-Opfer zu betrachten.
Ein Kollege legt einem zur Information seinen Klassenarbeitsentwurf ins Fach: Ein klarer Fall von Mobbing. Er will mir damit zeigen, dass ich keine Klassenarbeit konzipieren kann. Eine Kollegin fragt mich nach dem, was ich in der abgebenen Klasse durchgenommen habe. Ein klarer Fall von Mobbing. Sie denkt nämlich: Nichts! Ein Klassenlehrer kommt während meines Unterrichts in das Klassenzimmer, um etwas ins Klassenbuch zu schreiben. Mobbing, weil Kontrolle! Und so weiter… Überall werden wir alle andauernd gemobbt, oder was?
Das haut nicht ganz hin, da man von Mobbing eigentlich erst aufgrund ganz harter Kriterien sprechen sollte. Der Begriff geht auf Konrad Lorenz zurück, der darunter das Zusammenrotten von Tieren gegen einen gemeinsam Feind verstand. Heute verstehen wir unter “Mobbing” Psychoterror am Arbeitsplatz. Dabei gehören zur Definition systematische Angriffe einer unterlegenen Person, dies oft und während einer längeren Zeit mit dem Ziel des Austoßes aus dem Arbeitsverhältnis. Es kommen dabei zusammen:
absichtsvolles schikanöses Handeln;
mindestestens einmal wöchentlich;
über wenigstens ein halbes Jahr.
Früher nahm man an, jeder könne ein Mobbing-Opfer werden. Heute sieht man dies aufgrund therapeutischer Erfahrung anders. Es gibt bestimmte Merkmale der Mobbing-Opfer. Gemein ist ihnen mangelndes Leistungsvermögen, charakterliche Auffälligkeit und soziale Anpassungsdefizite. Fragen Sie einen Therapeuten, der mit Mobbing-Opfern gearbeitet hat, oft wollen sie in ihrer Opferrolle bestätigt werden und nichts dazu beitragen aus dieser herauszukommen.
Beispiel: Ein Therapeut muss ein Mobbing-Opfer auf seine Warteliste setzen oder an einen Kollegen überweisen, da er keinen freien Platz mehr hat. Reaktion des Hilfesuchenden: “Einen Schuldigen findet man immer!” Wird ihm entgegengeschrien.
Gemoppte sind immer Opfer!
Die anderen sind immer schuldig!
Schon mal darüber nachgedacht, warum es keine Selbsthilfegruppen für Mobbing-Opfer gibt? Sie können nicht in Gruppen zusammenarbeiten!
Vielleicht werden sie jetzt fragen, was hat der sonst immer freundlich schreibende Claude gegen Mobbing-Opfer? Nichts, darf ich antworten! Oder besser: Ich habe viel für Hilfe von Mobbing-Opfern übrig, wenn sie sich helfen lassen wollen. Manchmal habe ich jedoch den Eindruck. Es wird sich auch ganz schön an der Rolle festgehalten. Die anderen sind mein Unglück, nicht ich selbst. Die anderen sollen mir helfen, nicht ich. Weiterhin habe ich einfach etwas gegen die inflationäre Benutzung von Begriffen, die die Kommunikation zerstören.
Wenn ich mit einem Kollegen einen Konflikt habe, handelt es sich nicht um Mobbing. Wenn ich jemanden kritisiere, handelt es sich nicht um Mobbing. Wenn ich schlecht gelaunt bin, handelt es sich nicht um Mobbing. Wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die Erwachsen sein wollen und Kinder unterrichten möchten, dann erwarte ich, dass sie zu kritischen Auseinandersetzungen in der Lage sind, ohne sich hinter Worthülsen zu verstecken. Amen
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Die Konferenz
By Juergen | August 29, 2007
Kein neues Schuljahr ohne Konferenz. Außenstehende - in dem Fall ehrlich Arbeitende - mögen dem Begriff “Konferenz” etwas Erhabenes beimessen, die Hochstapelei hingegen, die einer Schulkonferenz innewohnt, erahnen sie kaum. Jede Konferenz wird wegen enorm wichtiger Sachverhalte einberufen. Es geht eine Teilnehmerliste um, die verdeutlicht, dass Vollzähligkeit unabdingbar ist. Der Katalog der Tagesordnungspunkte liest sich wie der Einkaufszettel eines Menschen, der weit über seine Verhältnisse lebt, er hat etwas von Völlerei. Die Luft im Konferenzraum ist stickig. Die Konferenz findet in der Regel zu einem Zeitpunkt statt, da der Lehrer erschöpft eine Siesta ersehnt und nun den inneren Schweinehund bekämpfen muss, der gegen die durchschnittlich neun Tagesordnungspunkte - ohne “Verschiedenes” - zu Felde zieht. Mag es auch den Großteil der Ferien über durchgeregnet haben - am Tag der Konferenz ist es warm, schwülwarm. Kurz: Es herrscht Reizklima. Kaiserwetter für die Protagonisten, denn eine Konferenz ist die Hochzeit der Wichtigtuer. Lehrer, die ihre besondere Stellung und Bezahlung durch Taten legitimieren müssen, bringen sich in Position und schwadronieren über die Problematik des Tafelanschriebs von Fünftklässlern, man fordert die lückenlose Protokollierung von Elterngesprächen auf speziell dafür angefertigten Formblättern an, die die Frage aufwerfen, ob nun die Stasi oder die rigiden chinesischen Behörden Pate gestanden haben. Denn China steht zur Zeit hoch im Kurs, manche Schulen rufen Austauschprogramme ins Leben, die dazu dienen, den phlegmatischen Deutschen die enorme Schaffenskraft der Menschen im Reich der Mitte näherzubringen. Da kann es schon passieren, dass man sich auch etwas vom effizienten Gebaren der dortigen Obrigkeit abschaut: Von China lernen heißt Siegen lernen! Dass gerade auch altsprachliche Gymnasien auf diesen Zug aufspringen, lässt neue Forschungen vermuten: Stammt auch das Chinesische vom Lateinischen oder Griechischen ab? Ist der Humanismus nicht eigentlich eine Errungenschaft aus Fernost? Wir warten gespannt auf die Antworten.
Unterdessen nimmt die Konferenz an Fahrt auf. Nicht enden wollende Molologe der Wortführer, deren Redundanz minütlich zunimmt, kunden von der akribischen Vorbereitung der Funktionäre. Mich tröstet, dass die Zuhörer Fidel Castros mitunter vier bis fünf Stunden währende Reden des Máximo Líder anhören müssen, auch wenn die Kleidung hoher schulischer Würdenträger in deutschen Kollegien heutzutage an Regionen erinnert, die von Kleiderspenden aus den Industriestaaten profitieren. Mir kommt der subversive Gedanke, dass die Länder viel Geld mit der Streichung von Funktionsstellen sparen und Schule dadurch effizienter machen könnten. Brauche ich Funktionäre, die mir sagen, dass Fünftklässler Probleme damit haben, fehlerfrei von der Tafel abzuschreiben? Die mir den Nachmittag rauben, um mir zu sagen, wie ich meine Schüler begrüßen soll? Die letztlich nichts anderes tun, als ihre besondere Stellung in Art und Weise einer Karikatur zu rechtfertigen? Schule ist, wenn man trotzdem lacht, auch wenn in der Konferenz verschwiegen wurde, ob das erwünscht, erlaubt oder verboten ist.
Vielleicht müssen wir solcherlei Konferenzen in einen größeren Zusammenhang einbetten, wie es bei Borges in “Der Kongreß” getan wird: “Vier Jahre hat es gebraucht, bis ich verstand, was ich Ihnen jetzt sage. Das Unternehmen, auf das wir uns eingelassen haben, ist so ungeheuer, daß es - jetzt weiß ich es - die gesamte Welt umfaßt. Es besteht nicht aus ein paar Schwätzern, die in den Schuppen einer entlegenen Estancia vor sich hin dösen. Der Weltkongreß hat mit dem ersten Augenblick der Welt begonnen und wird weitergehen, wenn wir zu Staub geworden sind. Es gibt keinen Ort, an dem er nicht ist.” Meinte Borges wirklich keinen?
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Rauschen und Rauschen
By claude | August 28, 2007
Noch eine Urlaubsreminiszenz. Meine Frau liebt das ferne Meeresrauschen, das man von der Ferienwohnung aus hören kann. Ich denke, was unterscheidet dieses Rauschen - rein akustisch - von dem viel verfluchten Rauschen der viel befahrenen Bundesstraße in unserer Nähe daheim? Das ist doch das gleiche (oder gar dasselbe?) Geräusch, denke ich und behalte diesen Gedanken lieber für mich, um die Urlaubsstimmung nicht zu stören.
Ist das nun wieder eine konstruktivistische Erfahrung? Siehst du, die Einstellung macht alles! Oder ist das Realismus? Schließlich ist doch das Meer der Geräuschverursacher, es erzeugt das gute Gefühl, das wir mit seinem Rauschen verbinden! Und schließlich sind doch auch die Autos die anderen Geräuschverursacher, sie machen das schlechte Gefühl, das wir mit ihrem Rauschen verbinden! Oder, noch realistischer betrachtet: Es lassen sich mit den Geräuschen gute oder schlechte Gefühle verbinden und unterscheiden, weil sie Begleiterscheinungen haben, nämlich je nach dem, frische oder stickige Luft.
Ich sag mal, ein klarer Sieg für den Realismus über den Konstruktivismus!
Aber, wie ist das in der Schule? Dort haben wir mitunter auch einen gewissen Geräuschpegel. Bei uns ist der jetzt dank neu verlegtem Linoleum statt altem, schmuddeligen Teppichboden selbst im Lehrerzimmer recht hoch. Wie nehme ich den Lärm im Lehrerzimmer im Unterschied zum Lärm im Klassenzimmer wahr? Einstellungsbedingt, konstruktivistisch sehr unterschiedlich. Der Lärm des Lehrerzimmers, zu dem ich selbst durch lautes Gerede und mitunter Gelache beitrage, stört mich weit weniger, ja, ich merke ihn erst, wenn ich darauf aufmerksam gemacht werde, als der Lärm im Klassenraum. Ich vermute, euch, geneigte Leserinnen und geneigte Leser, geht es wahrscheinlich kaum anders. Grund? Den einen Lärm erzeuge ich mit, für den anderen Lärm bin ich verantwortlich. Diese doppelte Wahrnehmung beinhaltet nun eventuell eine entlastende Botschaft: Wenn ich mich nicht so sehr durch den Lärm gestört fühle, den ich selbst erzeuge, wie durch den, für den ich verantwortlich bin, dann geht es meinen Schülern wahrscheinlich genau so. Das bedeutet nämlich, der Lärm der Schüler ist ihr Lärm. Er gehört ihnen. Sie merken ihn gar nicht. Er ist nicht gegen mich gerichtet. Das heißt, wenn ich ihn auch nicht merke und einfach mittue anstatt entgegen, dann brauche ich mich gar nicht schlecht zu fühlen. Das ist doch toll und ganz und gar ein Sieg des Konstruktivismus! Oder?
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Sprunk oder Sprank
By claude | August 9, 2007
Unsere Tochter Katja spielt gerne ein Spiel mit uns. Das geht so: Was meint ihr? Hab ich den Stein in der (linken) Hand oder in der (rechten) Hand? Da kann man dann raten, manchmal rät man es, manchmal rät man es nicht. Katjas Ziel ist es, den Stein so gut in einer Hand zu verstecken, dass man nicht rät, in welcher er ist. Das funktioniert also so ähnlich, wie das vielleicht bekannte Spiel: “Up and down!”
Weil man es halt manchmal errät, in welcher Hand sich der Stein befindet, hat sie das Spiel abgewandelt, in dem sie uns fiktiv raten lässt. Was meint ihr? Welche Hand hebe ich gleich hoch? Die hier (sie hebt die linke Hand)? Oder die hier (sie hebt die rechte)? Worauf dann beide Hände unter dem Tisch verschwinden, bis man sagt: Die da! Und z.B. auf die rechte Hand zeigt. Darauf hebt sie die linke und sagt: Nein, die hier! Man kann bei diesem Spiel also gegen Katja nicht gewinnen. Ich frage mich, hat meine fünfjährige Tochter den Konstruktivismus entdeckt? Sie zeigt uns ja damit: Ich kann mir meine Welt selbst schaffen!
In meiner Welt bin ich immer ein Stück weiter als ihr! Ihr kommt da nicht ran! Man kann sich natürlich vieles fragen: Spielt sie das Spiel wirklich konstruktivistisch? Erfindet sie ihr Ergebnis im vorhinein? Oder, im Nachhinein? Ist es ihr also egal, welche Hand sie zeigen wird? Oder, hat sie ein Bewusstsein für die Lüge, wenn man auf die gedachte Hand zeigt und sie darauf hin sagt, die andere sei es gewesen.
Gibt es hierfür eine Lösung, also ein rein konstruktivistisches Spiel in der Art von Katja, in der die Frage nach Lüge oder Wahrheit keine Roll mehr spielt? Es müsste ein Spiel sein,
das also die Frage: Wurde bei richtiger Antwort gelogen oder hat die Antwort das Ergebnis hervorgebracht auf höherer Ebene noch mal überbietet!
Mir ist eines eingefallen! Dazu musste ich den Bereich der Gesten verlassen und mich der Sprache bedienen. Ich habe es zu unser beider Freude mit meiner Frau gespielt. Es geht so:
Was meinst du? Denke ich “Sprunk!” oder “Sprank!”? Sie antwortete “Sprank!” Woraufhin ich antworten konnte: “Sprink!” und gewonnen hatte.
Nun kann man fragen, bestätigt “Sprink!” den Konstruktivismus oder weist es vielleicht doch auf metaphysische bzw. religiöse Gewissheiten hin?
Ich frage zurück: Hat es Metaphysik bzw. Religion nicht mit einer unsere Wirklichkeit überschreitenden absolut verlässlichen anderen Wirklichkeit zu tun, die unsere binäre Alltagslogik aufhebt? Vielleicht ist “Sprink!” dann ein Sprunk in die Wahrheit!
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Die fetten Jahre sind vorbei!
By marius | Juli 2, 2007
Vor einigen Tagen wurde ich vor der ersten Stunde Zeuge folgender Szene: Eine junge Referendarin kam mit einem wirklich edlen Blumengebinde ins Lehrerzimmer und überreichte dieses einer älteren Kollegin als kleines Dankeschön dafür, dass sie als Begleitperson bei dem Schullandheimaufenthalt einer fünften Klasse dabei sein durfte. Hallo! War das nicht mal umgekehrt? Ich erinnere mich noch daran, dass eben jene nette Kollegin vor vielen, vielen Jahren mir eine Flasche Wein dafür überreicht hatte, dass ich sie und ihre fünfte Klasse in eben jenes Schullandheim begleitet hatte. Ein Kollege und ich schüttelten den Kopf, worauf eine noch sehr junge Kollegin (Anfang 30) voller Überzeugung zu uns sagte: “Ich finde das nett.” Ich wandte mich ab und mir gingen zwei weitere Denkwürdigkeiten durch den Kopf. Bei der Vorstellung der Kandidaten für den neuen SV-Vorstand fordern seit einigen Jahren die meisten “Teams” einen groß angelegten Putztag zur Grundreinigung der Schule. Solche Leute hätte man noch zu Beginn der Neunzigerjahre vom Podium gejagt. Nichtsdestotrotz sieht es in den Klassenräumen aus wie Sau. Weiterhin erzählte mir neulich Juergen, Redakteure der Schülerzeitung hätten ihm gesagt, sie würden alle Artikel vor ihrer Veröffentlichung der Schulleitung zur “Korrektur” vorlegen, und zwar freiwillig. Die Schulleitung bestehe zwar schon ein bisschen darauf, meinten die Schüler, aber das gebe ihnen auch die Sicherheit, nichts Falsches zu veröffentlichen. Früher nannte man das Zensur, heute wird daraus eine hilfreiche “Korrektur”. Anfang der Neunzigerjahre freuten sich Schülerzeitungsredakteure darüber, dass ein “beratender Lehrer” nicht mehr verpflichtend war. Was damals “mehr Demokratie, größere Autonomie” genannt wurde, würden heutige Schüler wohl eher mit “Sie kümmern sich nicht um uns, lassen uns alleine” kommentieren. Hallo! Schon mal was von Aufklärung gehört? Kampf um die Pressefreiheit? Sich für zusätzliche Arbeitsbelastung bedankende Referendare, Sauberkeit des Schulgebäudes als das zentrale politische Thema von SV-Arbeit oder die freiwillige Unterwerfung unter etwas, das den Karlsbader Beschlüssen nicht unähnlich ist - Was verbindet diese drei Sachverhalte? Früher war alles besser? Angepasste Jugend? Totalversagen unseres Unterrichts? Zusammenkuscheln angesichts globaler Bedrohung und Kälte? Eine sanfte Revolution?
Ein befreundeter Kollege aus einer Nachbarschule erzählte mir, er habe einer Schülerin drei Fehltage entschuldigt. Sie hatte ihm gegenüber gesagt, sie sei in Heiligendamm gewesen und habe dort demonstriert. Allerdings hatte sie auf dem Entschuldigungszettel als Grund ihres Fernbeibens “Krankheit” angegeben. “Außer Ihnen würde das sowieso keiner entschuldigen”, war ihre Begründung für die Lüge…
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Der Basar
By Juergen | Juni 25, 2007
Nun ist es wieder soweit: Das Feilschen um Noten bzw. Punkte ist entbrannt. Auf beiden Seiten der Barrikaden hat man Strategien entwickelt und vorsorglich aufgerüstet. Der vorausschauende Lehrer hat fein säuberlich die (vermeintlichen, mutmaßlichen oder tatsächlichen) Leistungen in die dafür vorgesehenen Notizbücher diverser Banken notiert und beginnt die Stunde der Wahrheit mit einleitenden Sätzen wie: “Ich habe Euch immer wieder gewarnt wenn Ihr so weiter macht dann setzt es entsprechende Noten aber Ihr wart von Eurer unvorstellbaren Faulheit nicht abzubringen mein didaktisch ausgereifter auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhender Unterricht bei dem ich methodische Vielfalt und Einfühlungsvermögen bewiesen habe wurde allerdings nicht im mindesten gewürdigt statt dessen spieltet Ihr lieber an Euren Handys MP3-Playern oder Nachbarinnen rum statt mir oder wenigstens den Mitschülern zuzuhören was sich dann auch in den Arbeiten widergespiegelt hat o was soll nur mal aus Euch werden oder wichtiger noch wer soll mal meine Pension erarbeiten Ihr sicher nicht!”, um sodann die Noten zu verkünden. Da die Schüler aber auch diesmal nicht zugehört haben, kommt es nach der Stunde trotz der Einlassung des Lehrers “Ich muss jetzt dringend weg zu einer Besprechung/zu einem Krankenbesuch/zum Steuerberater/zur Fortbildungsveranstaltung/zum Psychologen” zum unvermeidlichen Showdown am Pult des Lehrers. Meist schleichen sie sich in Rudeln, fast immer zumindest zu zweit an ihr Opfer heran, schauen mit den Augen unschuldiger Lämmer und blicken mit einer Mischung aus unendlicher Enttäuschung über die Verkennung ihrer Leistung und Fassungslosigkeit über die Hartherzigkeit des Lehrers ihrem Ziel entgegen: Noten bzw. Punkte zu schinden. Oft übertreffen sie dabei dreiste Fußballer, die sich nach eindeutigen Schwalben vor (Phantom-) Schmerzen am Boden krümmen. Sie reden von Engagement, Aufopferung, Interesse, Referaten, Hausaufgaben und führen für jeden dieser Punkte ein Einzelbeispiel an. Sodann werden Mitschüler gnadenlos in die Pfanne gehauen: “Der XXX sagt nie was und kriegt die gleiche Note”, “Die YYY schreibt immer die Hausaufgaben ab und bekommt noch eine 4″ usw. Der mitteleuropäische Lehrer kann sich durch Besuche auf orientalischen Basars gegen derlei Verhandlungstaktiken einigermaßen wappnen, aber seitdem man das 13. Monatsgehalt weggekürzt hat, ist oft nur noch ein kurzer Städtetrip drin. So wehrt man sich zunächst mit lächerlichen Argumenten, die die Empörung der Schüler/Opfer nur mehr steigern, um das alles erst einmal zu vertagen. Man verspricht wohlwollende Prüfung und erbittet Bedenkzeit. Will man nun als uneinsichtiger Hardliner gelten, der sich den eindringlichen Bitten der Schüler verschließt? Obsiegt der Ärger über die Dreistigkeit der Schüler oder der Wunsch nach Harmonie und Eintracht? Von letzterer bieten uns doch die EU-Staatschefs immer wieder Kostproben. Sie bekommen auch immer in letzter Sekunde noch einen Kompromiss nach zähen Verhandlungen hin, der nicht weniger lächerlich scheint als eine korrigierte Note. Der Zermürbungsgrad des jeweiligen Lehrers nun entscheidet: Kuscheln oder Konfrontation? Dabei helfen Erfahrungen wie autogenes Training, Grundwehrdienst oder Folterungen in Gefängnissen nah- oder mittelöstlicher Staaten, während Bluthochdruck, Selbstzweifel oder Philanthropie reines Gift sind. Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Entweder ist man Buhmann oder Umfaller. Eine arme Sau also.
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PISA-Polizei von SWR3
By krieger | Juni 24, 2007
Kennt Ihr die PISA-Polizei des Radiosenders SWR3? Das ist das Gegenmodell zur Fernsehshow Der große Schultest im Ersten mit Jörg Pilawa, in dem Schülerinnen und Schüler mit Ihrem Wissen nur so glänzen. Hört man erstes, denkt man “Armes Deutschland!” und fühlt sich selbst intellektuell total überlegen. (Auf welchen Straßen sind die SWR-Reporter da bloß unterwegs?) Sieht man letzteres, fragt man sich: “Mensch, das hab ich doch mal gewusst! Nie war die Allgemeinbildung so gut wie zu Schulzeiten - aber wo ist sie jetzt hin?” Schön jedenfalls, dass sie (die Allgemeinbildung) wieder stärker Thema in der (Medien-)Öffentlichkeit ist …
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