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Die Fortschrittlichen

By Juergen | January 15, 2010

Es gibt sie auch an den Schulen: Die Progressiven, zumal Naturwissenschaftler und Mathematiker, die sich oft als Gralshüter von Zahlenkolonnen und Computer-Administration verstehen und die sich mit ihrer mutmaßlichen Geheimwissenschaft unentbehrlich machen. Nun steht er wieder an, der Zeugnismarathon. Keine Frage: Eine moderne Schule druckt ihre Zeugnisse aus und gibt die Noten vorher auf eine Computerplattform ein. Passwörter und Codes bestimmen die Szenerie, Systemabstürze inbegriffen. Man glaubt, ja, man muss es glauben: Derlei High-Tech-Aufwand führt zu mehr Effizienz, Arbeitsentlastung und bedeutet letztlich Fortschritt.

Die Praxis sieht indes anders aus. Die wortkargen Systemadministratoren benötigen plötzlich fast eine Woche mehr Vorlauf als zu Zeiten, in denen die Zeugnisse per Hand geschrieben wurden. Man braucht nun einen Probeausdruck - in Worten: über tausend Blatt Papier werden zusätzlich verschwendet, und das in Zeiten der Klimakatastrophe durch Abholzung der Regenwälder! Die Lehrer, die so sehr nach Entlastung durch Technikeinsatz lechzen, müssen sich stundenlang durch Codes und Zahlenkombinationen quälen für den Vermerk einfacher Zusätze auf dem Zeugnis wie “Klassensprecher” oder “Teilnehmer an der Botanik-AG”. Die hohen Herren der Systemadministration schaffen es noch nicht einmal, die Reihenfolge der Eingaben von Karteikarte und Computermaske zu synchronisieren und schaffen mithin zusätzliche Fehlerquellen. Ergo: Man steht Stunden früher als nötig auf, um noch einen Platz an den wenigen Computerterminals zu erwischen, muss Kollegen gewinnen, die Hilfe leisten,…

In summa bedeutet dies: Die Lehrer brauchen mehr Zeit als vor dem High-Tech-Einsatz, die Fehlerquellen mehren sich sprunghaft, der Stresspegel steigt, Burn-out-Symptome zeigen sich bereits bei sonst coolen Mittdreißigern. Fortschritt als Rückschritt - ein Konzept, das man neuestens nicht nur bei der Noteneingabe in den Schulen am Werke sieht. Man möchte wie weiland Papst Gregor VII. dem sich überhebenden Kaiser zurufen “Steige herab!”, um den Systemadministratoren, die sich nicht zu rechtfertigen gedenken, ihr Unvermögen klarzumachen. Die Forderung kann nur lauten: Schreiben wir die Zeugnisse wieder per Hand. Das gibt dem Dokument eine persönliche Note, entschärft den Termindruck und entzaubert die Eminenzen des Fortschritts, der in Wirklichkeit ein Rückschritt ist.

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6 Responses to “Die Fortschrittlichen”

  1. Birte Says:
    January 16th, 2010 at 16:53

    Hmm, da gibt es aber auch benutzerfreundlichere Systeme, die mittlerweile schon ein Jahrzehnt laufen…

  2. rebis Says:
    January 16th, 2010 at 17:38

    Also bei uns ist das System wirklich gut installiert - vielleicht sind unsere Systemadministratoren auch einfach die besseren ;-) , und seitdem wir die Papierlisten komplett weglassen und nur noch im Computer eintragen, nach strikt organisiertem Modus (wer wann was), ist es das Schnellste, was ich je erlebt habe. Und ich war an insgesamt 4 Schulen, habe auf verschiedenste Weise in verschiedenste Papierlisten eintragen müssen. Unser Computersystem möchte ich jetzt eigentlich nicht mehr missen, so schnell ging Zeugnisschreiben noch nie …
    Gruß
    Uta

  3. claude Says:
    January 16th, 2010 at 19:06

    Zunächst einmal ist es schön zu lesen, dass es bei Birte und Uta besser läuft.
    Aber vorallem freue ich mich, dass Jürgen nach langer Durststrecke im Blog endlich wieder in seiner wunderbaren Eloquenz aktiv geworden ist! Danke und bitte mehr!
    P.S.: Ich habe gehört, dass es in einer Schule einmal “Schuhzeugnisse” gab und der Fehler erst kurz vor der Ausgabe bemerkt wurde. Das wäre mit Vordrucken nicht passiert.

  4. Juergen Says:
    January 16th, 2010 at 20:15

    Birte und Uta bringen es auf den Punkt: Wenn man ein gutes Programm hat und dazu noch Administratoren, die es auch so einrichten können, dass es effizient ist, wird sich niemand beklagen. Wenn man aber - nicht nur ältere - Kolleginnen und Kollegen sieht, die kurz vor einem Weinkrampf stehen, weil sie zwei Stunden brauchen, um den ganzen Kram einzugeben, da es eben Papierlisten für die Fachlehrer UND die folgende Sammeleintragung durch den Klassenlehrer in den Computer gibt, und man bekommt von den Informatikgöttern zu hören: Das geht eben nicht anders, und das ganze braucht zudem noch eine Woche mehr Vorlauf als an anderen Schulen, …dann fällt der Verdacht des leisen Zweifels auf die falschen Informatikgötter.

  5. Christian Says:
    January 16th, 2010 at 21:13

    Machtspielchen, Konflikte um Herrschaftswissen, “In-Groups”, das gibt es wohl in jedem Lehrerkollegium. In deiner Schule, Jürgen, sind es offensichtlich die Meister der Computeradministration und des Zeugnisdrucks, die sich eine Führungsposition anmaßen und den dazugehörigen esoterischen Geheimcode pflegen. Anderswo sind es die “wahren Pädagogen”, die “Macher” (danke nochmal für den exzellenten Beitrag über diese), die Gemeinschaftskunde-Lehrer, die Älteren, die Sportkollegen oder andere.
    Die Misere ist also nicht ursächlich mit Zeugnis-Software verbunden, die kann auch sehr gut funktionieren und unsere Arbeit erheblich erleichtern, wenn man es richtig anstellt.
    Gruß aus der Nachbarschule!

  6. Felix Says:
    January 24th, 2010 at 12:03

    Spannend zu sehen, dass die gleichen Probleme vor ca. 10 Jahren in großen Unternehmen auftraten. Da war es auch so:
    IT-Abteilung wurde mehr als Freak-Abteilung bezeichnet. Dazu kam dann noch, dass die IT-Abteilung sich niiiemals als “Service”-Personal ansah. Traumhafte Situationen sind dadurch entstanden….Systemabstürze, gelöschte eMails….hmmm schön wars.

    Inzwischen gibs eine klare Aufteilung:
    IT-Support -> Service
    IT-Admin -> Systemwartung und nur in extremen Fällen Support

    Dieses einfache Konzept könnte ja auch an Schulen eingeführt werden. Lehrer sollten da lieber Lehrer bleiben und nicht Administratoren werden, schon alleine aus Zeitgründen.

    mfg

    Felix

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