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Entblößend (Gastautorin evi)

By admin | February 1, 2010

In Bayern dürfen Schüler ab der 9. Klassen bei schriftlichen Deutsch-Arbeiten neuerdings den Rechtschreib-Duden verwenden. Grund dieser Neuerung: unbekannt, aber leicht herzuleiten: Da sich im Dschungel der lianenhaft wuchernden Regeln und Ausnahmen der deutschen Rechtschreibung selbst Deutschlehrer verirren, kann man von Schülern nicht erwarten, sich in diesem Dickicht zurechtzufinden. Erstmals in meiner Laufbahn als Deutschlehrerin fühlte ich mich durch das Kultusministerium verstanden und unterstützt. Ich hoffte, dass sich meine Korrekturarbeit wenigstens im Bereich der Rechtschreibung drastisch verkürzen würde. Doch auf das, was dann kam, war ich nicht vorbereitet.

Meine 9. Klasse sollte eine Erörterung schreiben, erstmals unter Verwendung des Rechtschreibdudens, der in einfacher Ausfertigung auf dem Lehrerpult lag und bei Bedarf eingesehen werden konnte. Die Themen hatte ich altersgerecht zubereitet und stellte mich auf drei angenehm ruhige Stunden ein, in denen die Schüler ihre Gedanken mühsam zu Papier bringen würden. Mein Blick schweifte über die fiebrig brodelnden Köpfe, die sich dicht über die Tische beugten, während meine eigenen Gedanken um die Frage kreisten, was ich heute Mittag kochen könnte. Waren noch genügend Kartoffeln für ein Gratin zu Hause oder müsste ich nach dem Unterricht erst noch einkaufen gehen? Ich wurde jäh aus meinen Planungen gerissen, als eine Schülerin, die sich den Duden geholt hatte, plötzlich die Stille brach und empört ausrief: „Frau Meyer, Sie müssen mal einen neuen Duden anschaffen, der hier ist ja völlig veraltet, da steht ja nicht einmal „entblößt“ drin!“ Aha, ich würde also nicht nur Kartoffeln, sondern auch noch einen neuen Duden kaufen müssen. Während ich mich noch wunderte, dass Jenny dieses Wort nicht fand, fiel mir nachträglich auf, dass sie es seltsam ausgesprochen hatte, mehr wie „emblößt“, und als ich sie darauf hinwies, dass die erste Silbe „ent-„ heißt, kam ein überraschtes: „Ach so!“ Die Klasse lachte leise vor sich hin und die Schülerin suchte nun wiederum verzweifelt. Nach kurzer Zeit äußerte sie enttäuscht und trotzig: „Aber es steht trotzdem nicht drin!“ Sie sagte es so, als ob ich persönlich für den Inhalt des Dudens verantwortlich wäre, so wie Kinder sich bei ihren Müttern beschweren, dass kein Joghurt mehr im Kühlschrank ist. Doch sollte es tatsächlich möglich sein, dass so ein altehrwürdiges deutsches Partizip wie „entblößt“ von der Duden-Redaktion übersehen worden ist? Ich schüttelte den Kopf und sagte, dass das nicht sein könne. Wo sie denn genau nachgesehen hätte, wollte ich wissen. Da buchstabierte sie: „e-n-t-p-l…“, ich fiel ihr prompt ins Wort: „Doch nicht mit hartem p, Jenny!“ Die ganze Klasse prustete nun laut los, während Jenny rot anlief und nach wenigen Sekunden endlich aus dem Duden erfuhr, was sie eigentlich wissen wollte: „Ach, das schreibt man mit scharfem ß!“.

Nachdem dieses Problem gelöst war, flüsterte mir kurze Zeit später ein Schüler aus der ersten Reihe, der ebenfalls verzweifelt im Duden blätterte, zu: „Frau Meyer, wie schreibt man denn Guglamat?“ Hatte ich mich verhört oder sollte es deutsche Wörter geben, die ich noch nie gehört hatte, geschweige denn wusste, wie man sie schrieb? Skeptisch fragte ich nach: „Wie heißt das?“, und er prompt wieder: „Guglamat“. Nun beugte ich mich leicht nach vorn und fragte mit gedämpfter Stimme, was das denn sein solle, dieses Guglamat, und Manuel, leicht zögerlich, - jetzt war auch er unsicher geworden - „na dieses, dieses Mittel, was die ins Essen rein tun, wie heißt das gleich?“ Da dämmerte es mir: „Meinst du etwa Glutamat, diesen Geschmacksverstärker?“ - „Ja, genau!“

Es kehrte wieder Ruhe ein, und ich konnte mich gedanklich mit der Zubereitung des Mittagessens befassen. Kam meine Tochter heute überhaupt mittags nach Hause oder hatte sie Nachmittagsunterricht? Am Ende brauchte ich gar nichts zu kochen und könnte mit ein paar Kollegen zum nah gelegenen Italiener gehen. „Wie schreibt man denn Annonce?“, platzte plötzlich Marius in meine Überlegungen. Doch ich fühlte mich nicht zuständig, wozu hatte man denn jetzt den Duden? Ohne ein Wort zu sagen zeigte ich mit meinem Finger auf denselbigen. Er nahm ihn vom Lehrerpult, stand eine ganze Weile vor mir, blätterte darin und sagte dann: „Ach so, das bedeutet ja Anzeige! Mist, dann kann ich es nicht nehmen!“. In diesem Fall hatte ihn der Duden offenbar gerettet, denn wie ich später erfuhr, suchte er wohl nach dem Wort „Nuance“.

Letztlich musste ich einsehen, dass ich mich zu früh gefreut hatte. Die Tatsache, dass die Schüler den Duden verwenden dürfen, wird meine Korrekturarbeit nur unwesentlich verringern. Stattdessen wird mir klar, dass einem ohne gewisse Grundkenntnisse der deutschen Wortbildung selbst ein noch so aktuelles Nachschlagewerk nichts nützt, im Gegenteil, es deckt die Schwächen meiner Schüler auf entblößende Weise auf.
Emplösend ist das!

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One Response to “Entblößend (Gastautorin evi)”

  1. Tippi Says:
    April 30th, 2010 at 12:14

    Dieser Beitrag entblößt v.a. zwei weitere eklatante Schwächen des bisherigen Deutschunterrichts in Bayern:
    Erstens muss der Einsatz von Nachschlagewerken von den untersten Klassen an gelernt werden. Warum dürfen Schüler erst ab Klasse 9 einen Duden benutzen? Ein Duden gehört m.M. nach zur Grundausstattung jeder Klassenarbeit ab Klasse 5.
    Zweitens ist ein Duden pro Klasse wahrlich ein Armutszeugnis. Meine Erfahrungen beschränken sich auf ein Bundesland nördlich von Bayern, aber hier sind die Schüler angehalten, sich selbst Duden zu besorgen, sei es sie zu kaufen oder sie in er Schulbibliothek zu entleihen. Wer keinen hat, hat Pech. So einfach ist das.

    Freundliche Grüße!

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