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Die Geschundenen

By Juergen | März 16, 2008

Lehrer, laut Gazprom-Abzocker Gerhard Schröder die “faulen Säcke” der Nation, haben zur Zeit wieder einmal Ferien. Man findet sie nun an den Gates und Bahnsteigen dieser Welt, wo sie alle Klischees zu erfüllen scheinen, die der gemeine BILD-Zeitungsleser pflegt. Braungebrannt kommen sie aus dem Süden zurück und schultern bis zum Ende des ohnehin kurzen Schuljahres ein paar Unterrichtsstunden.

Die Ergebnisse der Forschungen Uwe Schaarschmidts, Experte für das Tätigkeitsfeld des Lehrers, zeigen ein anderes Berufsbild. Auch das folgende Szenario mag auf den Leser satirisch, fast schon frech wirken. Ist es aber nicht. Es zeigt den Tag eines Lehrers, wie er sich zuträgt in Deutschland - Tag für Tag.

Der Wecker ist auf 5 Uhr gestellt. Da ich in der Nacht vor dem Computer eingeschlafen bin und mich ins Bett retten konnte, muss ich früher aufstehen als sonst. Es muss noch eine Kursarbeit konzipiert werden. Ich erliege nicht der Versuchung, die komplette Klausur aus den Materialien eines hinlänglich bekannten Schulbuchverlags zu kopieren, sondern stelle eine auf den Stand meines Kurses abgestimmte Arbeit zusammen. Dieser Idealismus kostet mich bereits eine halbe Stunde Schlaf. Die Öffentlichkeit erfährt das allerdings nicht. Der erste Zwischenfall des noch jungen Tages ereignet sich, als ich über meiner Konzeption den Teebeutel in der Tasse vergesse - statt fünf Minuten lasse ich den Tee 25 Minuten ziehen und schlürfe die nun lauwarme und geschmacklich verdorbene Flüssigkeit übelgelaunt herunter. Ich habe keinen Appetit. Die Fünftklässler erwarten ihre mündlichen Noten. Ich habe sie nicht fertig. Ich werde sie auch nicht fertig machen. Das ist meine subversive Tat - eine Unterlassung, aus der Not geboren, aber, wie mir immer deutlicher wird, eine angemessene, höchst angemessene Demonstration meiner verbleibenden Selbstbestimmung.

Als ich am Bus ankomme, bin ich bereits genervt. Der Tag hätte beschaulicher beginnen können. Nun gut, er hält noch einiges bereit. Im Bus werde ich sogleich von einem Schüler lautstark mit meinem Namen begrüßt. Der ganze Bus weiß nun, dass ich ein Lehrer bin. Ich spüre feindselige, verächtliche Blicke. Es ist laut und heiß, unerträglich heiß. Eine Karikatur einer Schülerin führt ein Handygespräch und lässt den gesamten Bus teilhaben an ihrer jämmerlichen Beziehungssituation, die sie einer vermeintlichen Freundin lautstark mitteilt. Es sind dies Figuren, die man sonst nur aus den nachmittäglichen Talksendungen im Privatfernsehen kennt, bei denen man beim Zappen mitunter fasziniert hängenbleibt. Die wenigen Minuten Fahrt kommen mir vor wie eine Ewigkeit, und als ich aussteige, fühle ich mich wie nach einem anstrengenden Arbeitstag, der in Wirklichkeit gerade erst beginnt.

Im Lehrerzimmer organisiere ich mir schleunigst einen Kaffee. Ich habe Glück, dass ich erst nach einer Minute von Kollegen angesprochen werde. Wie im Schlaf sage ich “ja”, “genau”, “ach”, “interessant”, “ungeheuer”, “da kann man mal sehen” usw., bevor es auch schon klingelt. Ich warte noch geraume Zeit, um nicht den Eindruck eines übereifrigen Lehrers zu erwecken, und gehe mit fünfminütiger Verspätung in den Unterricht. Man fragt mich vorwurfsvoll, weshalb ich die Klassenarbeit noch nicht korrigiert habe. Meine Erklärungen werden als billige Ausreden eines Faulenzers abgetan. Die Stunde verläuft normal.

Die Klausur in der Oberstufe wird von den Schülern gefasst aufgenommen, verschafft mir aber postwendend einen weiteren Stapel an Korrekturstoff. Er liegt so leicht in der Hand, dieser Stapel, was mich provoziert. In Wahrheit bedeutet er nächtelange Arbeit, deren Sinn mir immer schleierhafter wird.

Die Stunde in der Mittelstufe beginnt wie üblich mit disziplinarischen Ermahnungen: Hinsetzen, ruhig sein, die Sachen auspacken. Deeskalation. Ich höre, wie meine Stimme die eines Predigers wird, der das Gute herbeisehnt. Man tut mir den Gefallen und hört mir zu. Ich bin erschrocken über die plötzliche Stille und vermute ein Komplott. Irgend etwas stimmt nicht. Ich bin irritiert, allerdings nur bis zur Kontrolle der Hausaufgaben, die wie üblich aus Marginalien bestehen. Wortfetzen, von Mitschülern abgeschriebene Versatzstücke geistiger Arbeit. Nur zwei Schülerinnen warten mit ausführlichen Texten auf. Das Unterrichtsgespräch verläuft den Umständen gemäß ertragreich, wozu meine eingestreuten reißerischen Pointen nicht unwesentlich beitragen. Erhobenen Hauptes verlasse ich den Klassenraum.

Eine Mittagspause von zwanzig Minuten erlaubt keine warme Mahlzeit. Sie erlaubt auch keine irgendwie geartete Erholung. Sie ist vielmehr ein Ärgernis, dieser Witz einer Pause! Kein Industriearbeiter würde sich so etwas bieten lassen, ohne dass die IG Metall ernsthaft mit Warnstreiks drohen würde. Doch auch wenn die Pause zwei Stunden dauerte - ein ruhiger Arbeitsplatz oder gar Erholungsraum steht nicht zur Verfügung. Wer je eine Pause in einem Lehrerzimmer erlebt hat, wünscht sich nichts sehnlicher als ein eigenes Büro, wie es Sparkassenangestellte beispielsweise haben. Die müssen übrigens auch nicht die Fotokopien für ihre Kunden aus der eigenen Tasche vorstrecken wie wir Lehrer. Sie müssen sich auch nicht ihre Arbeitsmaterialien selber kaufen und dann wortreich in der Steuererklärung begründen, wozu ein Lehrer so viele Bücher kaufen muss.

Am späten Mittag die Konferenz. Der Direktor - an anderen Schulen mag man sich heutzutage auch eine karrierebewusste Frau mittleren Alters vorstellen - verheddert sich in Formalien, die niemanden interessieren. Ältere, abgebrühte Kollegen korrigieren derweil fleißig Tests, die sie vermutlich nur geschrieben haben, um den jüngeren Kollegen ihre Chuzpe vor Augen führen zu können. Andere dösen vor sich hin, ein Kollege schnarcht gar, worauf er hinterher stolz sein wird. Nach quälenden drei Stunden wird das Kollegium erlöst und fragt sich, warum geballte Arbeitskraft in dieser Größenordnung soeben vernichtet wurde.

Ich gehe nach dieser kräftezehrenden Zeitverschwendung mit Kollegen essen. Ich habe nichts Nennenswertes den ganzen Tag über gegessen. Mein Magen zieht sich bereits krampfartig zusammen. Nach dem üppigen Essen, angereichert durch einen Tropfen Alkohol, macht sich ein lähmendes Völlegefühl breit. Ich ahne, dass die anvisierten Korrekturen auch an diesem Abend aufgeschoben werden müssen. Doch ohnehin wartet die Vorbereitung des mündlichen Abiturs: Texte auswählen, Aufgabenstellungen entwerfen. Auch heute Nacht wird es mindestens zwei Uhr. Immer gibt es etwas zu arbeiten. Nie kann in Freizeit und Arbeitszeit getrennt werden. Ein permanent schlechtes Gewissen ist die Folge. Jeder Film, den man sich im Kino anschaut, wirft die Frage auf, warum man nicht stattdessen die Klausuren korrigiert oder Unterricht vorbereitet oder endlich Eltern anruft, die auf ein Gespräch warten.

Die deutschen Gewerkschaften forderten in den 1980er Jahren die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, freilich nicht für Lehrer. Die arbeiten im Schnitt 56 Stunden, auch nachts und an Wochenenden ohne Zuschläge. Zieht man die Ferien ab, ergibt sich immer noch ein sattes Plus gegenüber anderen Berufsgruppen. Freilich sind nicht alle Kollegen gleichermaßen belastet. Lehrer mit Sport und Physik dürften über mehr Freizeit verfügen als Kollegen mit Deutsch und Englisch. Selbst schuld, könnte man sagen. Und dennoch wird es Zeit, einen Berufsstand vor der gesundheitlichen Verelendung zu bewahren, indem man für menschenwürdige Arbeitsbedingungen sorgt: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.

Topics: Allgemein, Lehrerzimmer, Lehrer |

13 Responses to “Die Geschundenen”

  1. Ivo Says:
    März 17th, 2008 at 08:49

    Hallo Jürgen …

    Ich hoffe, dass nicht jeder Tag ist, wie dieser. Es gibt solche Tage. Zweifellos. Ich kenne die auch. Aber es sollte nicht die Regel werden.

    Sollte es doch die Regel sein, musst du unbedingt den Beruf wechseln. Es macht dir keinen Spass. Und somit wird kein toller Unterricht zu Stande kommen.

    Ich habe zwar nur “Freizeitfächer” (Mathe, Physik, Datenverarbeitung) aber ich kenne deine Situation sehr genau. Dazu kommt bei mir noch ein Sohn in der 4. Klasse (Übertritt), eine Tochter und eine Frau, die ihre Ansprüche haben.

    Manchmal geht es einfach nicht anders, als seinen eigenen Ansprüchen nicht zu genügen …

    Ivo

    ps: Gerade bei Physik täuschst du dich, wie ich glaube. Mit D/E zwar nicht vergleichbar aber nicht ohne gewissenhafte Vorbereitung durchführbar (Experimente, Protokolle, …).

  2. Juergen Says:
    März 17th, 2008 at 09:38

    Hallo Ivo!
    Die Darstellung eines Extremtages kann durchaus so oder ähnlich aussehen, selbstverständlich nicht ein normaler Tag. Dennoch: Es ist nicht unser Fehler, dass gewisse Rahmenbedingungen, die ich genannt habe, eine Zumutung sind. Wenn alles kein Problem ist, wird uns einfach immer mehr aufgebürdet, denn: Es geht ja irgendwie.

  3. Lucky Says:
    März 20th, 2008 at 00:14

    Ja, und was gibt es sonst noch so ?
    1. Lernstandsbeschreibungen und individuelle Förderung
    2. Formblätter zum Arbeits- und Sozialverhalten eines jeden Schülers
    3. Vergleichsarbeiten
    4. zentrale Überprüfungsarbeiten
    5. Kerncurriculum
    und natürlich die Teamsitzungen, die tägliche “Sozialarbeit” (auch am Nachmittag und
    Abend per Telefon), die noch immer wachsenden Klassenstärken, die diversen Projekte, der Austausch, die Fortbildungen und… ??? Hab ich was vergessen ? Ganz bestimmt! Denn hier kann man sich richtig austoben.

  4. Ivo Says:
    März 20th, 2008 at 08:43

    * EDV-Betreuung
    * Probeunterricht
    * Schulentwicklung
    * Evaluation
    * SchiLF
    * …

  5. Lucky Says:
    März 20th, 2008 at 09:17

    - Betreuung der Referendare / Praktikanten
    - Sportprojekttage
    - Tag der offenen Tür
    - Erntedankmarkt (Wochenende)
    - Klassenfahrten
    - Einsammeln und Verwalten von Geldern für diverse Dinge, Projekte, usw.
    - Einfordern von Hausaufgaben, Unterschriften zu allen möglichen Ereignissen, usw.
    Diese beiden letzten Punkte verkürzen die Unterrichtszeit - die doch auf keinen Fall verkürzt werden soll - erheblich, wodurch es zu Zeitdruck in der allgemeinen Planung kommt. Natürlich hat es diese Dinge schon immer gegeben, aber sie werden mehr und mehr und mehr… Denn in Zeiten der Schulentwicklung, der Schulinspektion, usw. sind die Schulen besonders “rührig”.

  6. Lucky Says:
    März 20th, 2008 at 09:39

    P.S.: Und trotzdem… ich liebe diesen Job… muss ich einfach mal sagen…
    Aber auf manchen administrativen Kleinkram würde ich gern verzichten. Wie sagte ein Mediziner vor circa 5 Jahren zu mir: “Aufgrund des ganzen neuen Verwaltungskrams habe ich heute weniger Zeit für meine Patienten.”
    Aber wir dürfen nicht weniger Zeit für die Schüler haben… und “das isses” !

  7. Corinna Says:
    März 22nd, 2008 at 14:37

    Um als D/En-Lehrerin auch einmal zu lästern: Mathe und Sport wäre eine geniale Kombination gewesen, aber ob das Unterrichten auch so viel Spaß macht?

    Auf die Korrekturbelastung hatte ich mich vorher schon eingestellt (inzwischen arbeite ich konsequent mit Korrekturbögen, das spart eine Menge Zeit), aber die ganzen Neuerungen (Lernpläne, Parallel- und Vergleichsarbeiten, Profiloberstufe mit verbindlicher Abi-Prüfung in den “Kernfächern”, Abschlussprüfungen am Ende der Mittelstufe — alles entweder schon etabliert oder noch im Kommen in SH) treffen mich im Vergleich zu anderen Kollegen gleich doppelt, und das führt schon zu einer gewissen Bitterkeit. Denn in der Bezahlung schlägt sich das nicht nieder. Vielmehr weiß ich, dass ich nie die volle Stundenzahl unterrichten werde, um mir und meiner Familie noch Freiräume zu erhalten und gleichzeitig in der Lage zu sein, guten Unterricht zu machen.

    Übrigens: Um mich herum reduzieren gestandene Kolleginnen und Kollegen ihre Stunden, um das Pensum zu schaffen, das heißt: de facto haben wir eine Gehaltsabsenkung.

  8. Lucky Says:
    März 24th, 2008 at 19:09

    Alles 100%ig korrekt. Habe ebenfalls zwei “große” Korrekturfächer und auch bei uns reduzieren Kolleginnen und Kollegen. Aber “der Kelch” geht auch an ihnen nicht vorbei, denn sie sind nichtsdestoweniger von den von mir aufgezählten Punkten vom 20.3. betroffen.

  9. Fortbildung « Bissiges Says:
    März 31st, 2008 at 22:01

    […] zu führen, sondern das Kollegium mit endlosen Monologen in Konferenzen langweilen (wie hier im Lehrerzimmer immer wieder eindrucksvoll dargestellt) oder nach dem Prinzip “Teile und herrsche” ein […]

  10. Fragender Says:
    April 29th, 2008 at 10:23

    Hallo,
    als Normalsterblicher bin ich mit einer Berufsschullehrerrin verheiratet. In unserem Freundeskreis gibt es dazu viele Lehrer. So, keiner von denen hat solche Probleme. Alle unterrichten auch Englisch. Die kommen mit ihren 21 Vollzeitstunden Anwesenheit in der Schule, den ca. zehn Wochen im Jahr nicht am Arbeitsplatz und der anschließenden Heimarbeit incl. Konferenzen und Infotagen so gut aus, das vor Ferienbeginn das Wohnmobil gepackt auf dem Schulparkplatz steht oder schon in Strandkleidung der letzte Unterrichtstag verbracht wird. Wieso jammern manche Lehrer permanent über ihren frei gewählten Beruf? Vielleicht sollter darüber mal nachgedacht werden! Oder doch raus aus der endlosen Beamtensicherheit in die “frei Wirtschaft”? Viel Spaß mit üblen Vorgesetzten, Großraumbüros, durchgedrehten Kunden, dem ewigen “wir sind alle so gut drauf” Gedöhnse und plötzlichem Jobverlust weil einer auf die Idee gekommen ist in Sonstwo produzieren zu lassen! Jeder hat sein Päckchen zu tragen und der Lehrer halt auch.

  11. Wissender Says:
    Mai 20th, 2008 at 21:28

    Hallo Fragender und auch alle anderen, die denken sie müssten mal wieder ihren Senf zum Lehrerberuf geben obwohl sie ihn nicht kennen……
    Manche Lehrer jammern genauso über ihren frei gewählten beruf, wie auch jede andere berufsgruppe über ihren frei gewählten Beruf jammert.Beispiele brauch ich sicher nicht aufzählen.Und ich finde jeder sollte auch das Recht haben zu jammern, so lange wie er sich nicht mit anderen Berufen vergleicht oder diese schlecht macht.Aber genau das ist das Problem in der Lehrerdiskussion: Lehrer haben nicht das Recht zu meckern, denn jeder glaubt ja zu wissen was für einen tollen Job sie haben(jeder war ja in der Schule….)ich kenne kein Land in dem Lehrer gesellschaftlich so schlecht stehen wie in D. und in dem sie so wenig respektiert werden.Schade, sie sollen deine unerzogenen Kinder erziehen und unterrichten.Ein wenig Hilfe dabei wäre hilfreich! und übrigens, Lehrer haben 26Std.(bei nur einer halben Std.vorbereitung für jede Std., was nichts ist, kommen sie schon auf ihre 40Std.Woche. Ohne Korrekturen, Konferenzen,…….einfaches Rechenbeispiel oder?

  12. Anna-Lena Says:
    August 18th, 2008 at 22:04

    Wie wohltuend, dass es anderen auch so geht :-)
    Noch schöne Ferientage, falls vorhanden, bis der allgemeine Wahnsinn wieder losgeht.

    Anna-Lena grüßt

  13. Inge Says:
    Mai 6th, 2009 at 13:14

    Übrigens:
    Grundschullehrer haben 28,5 Stunden Unterrichtsverpflichtung und verbringen zusätzlich viel Zeit mit Kontakten zum Jugendamt, Reziehungsbeiständen und dem Allgemeinen Sozialdienst.

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