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Die Flagge B.
By claude | March 22, 2008
Ich sage nett und freundlich zu einem Kollegen, der im Mantel an mir vorbeigeht: “Tschüß!” Seine Antwort: “Ich gehe noch nicht. Ich habe Pausenaufsicht!” Oh, ja, große Sache, denke ich, Applaus! Da war sie wieder, die Flagge der Belastung. Ich hasse sie. Ständig wird sie hochgezogen. Die Flagge B.
Ich frage montags eine Kollegin (nach einem Beispiel von einem Kollegen muss ja jetzt aus Proporzgründen nun ein Beispiel mit einer Kollegin kommen, es war aber von einem Kollegen, ich schreibe aber, es sei von einer Kollegin, nicht weitersagen…), wie sie gestern den Tatort fand. Antwort: “Ich musste korrigieren!” Die Flagge B. flott gehisst.
Dienstbesprechung: Der Oberstufenleiter (psst, es war in Wirklichkeit eine Leiterin…) erklärt vor dem Abitur, wieviel er dafür getan habe, damit für uns Alles gut laufe. Das will ich aber nicht hören, denn von ein paar anderen Leute aus dem Kollegium weiß ich, dass sie vor dem Abi auch ein klein wenig was zu tun haben. Die Flagge B. aber weht fröhlich im Wind.
Der Chef (jetzt bin ich ganz durcheinander, ich glaube, es ist wirklich ein Mann…?!) beginnt eine Gesamtkonferenz, (die jetzt immer um sechszehn Uhr beginnen, weil wir ein Ganztagsangebot haben und weil wir ja durch das Ganztagsangebot nicht früher können, weil wir ja nun länger arbeiten müssen, müssen alle erst um sechszehn Uhr mit der Konferenz beginnen, … ) also, der Chef beginnt die Sitzung damit, dass er uns erklärt, dass er viel zu tun hat. Dafür braucht er eine halbe Stunde. Das wollten alle schon immer mal hören, zumal alle erst Morgen um acht wieder Unterricht haben und daher am Spätnachmittag sowieso nicht gewusst hätten, was sie jetzt hätten tun sollen. Die Flagge B. hängt schlaff am Mast.
An meinem möglicherweise in der Darstellung der letzten beiden Beispiele etwas ironischen Unterton, kann man vielleicht merken, dass ich sie auch vor mir hertrage, die Flagge B. Leider erwische ich mich auch, sie immer wieder zu hissen. Wir dürfen nicht gut gelaunt unsere Arbeit verrichten. Wir müssen jammern, weil es viel zu jammern gibt. Aber wem nützt das? Was hilft das, außer dass es die Atmosphäre vergiftet? Was wollen wir wirklich, wenn wir die Flagge B. immer wieder nach oben ziehen? Was soll das also?
Vielleicht wollen wir einfach, dass ab und zu mal jemand sagt: Ich sehe du machst viel und manches gar nicht mal so schlecht, weiter so! Einfach manchmal ein wenig Lob und Anerkennung, das wär´s. Das wollen wahrscheinlich alle, die arbeiten, aber wir Lehrerinnen und Lehrer besonders. Weil wir so wenig Lob und Anerkennung spüren, müssen wir unter uns und anderswo die Flagge B. herumschwenken, wie nervig. Luc Besson hat in seinem Film “Angel.a” eine prima Therapie in Szene gesetzt. Da muss der arme Held des Films, der immer eins in die Fresse bekommt, lernen zu seinem Spiegelbild zu sagen: “Ich liebe dich!” Narzistischer geht´s kaum, mag man denken. Ich glaube aber, dass die Flagge B. viel mehr von Narzissmus zeugt, als eine wirkliche Selbstannahme: “Du, ich mag mich!” Mehr davon, möchte man sagen und weniger von der Flagge B.
Topics: Allgemein, Lehrerzimmer, Lehrer |

March 26th, 2008 at 10:16
Du hast völlig recht, auch ich hisse ab und zu Flagge B..
Besonders häufig findet sich Flagge B aber bei Deutschlehrern, oder ?
Bei uns im Kollegium wird momentan noch immer über die Altersarmut gejammert, die bevorstehende, hach es ist ja immer alles so schlecht, gelinde gesagt, geht mir dieses Rumgejamere nur noch auf den Keks.
March 26th, 2008 at 14:40
Ich finde jammern nicht so schlimm wenn man es gemeinsam macht und nicht den anderen zeigen will wie viel mehr man zu tun hat und dass die anderen die faulen säcke sind und eigentlich schröder doch recht hat und wenn alle so toll wären wie man selbst es auch in unserer gesellschaft besser ginge und so weiter und so fort…
Wir sollten endlich anfangen an uns und unsere arbeitsbedingungen zu denken und daran diese zu verbessern.
April 2nd, 2008 at 14:05
Ich denke, dass das Problem des Jammerns kein spezifisches Lehrerproblem ist. Ich merke das bei den Erwachsenen in meinem Umfeld immer wieder, wie sie nach der Arbeit jammern und sich ihr Leben schlecht reden. “Ich brauche jetzt einmal ein wenig Zeit für mich” heißt es da.
Ich finde es sehr beschämend, wie man sich mit diesem Gejammere sein Leben selbst beschneidet. Anstatt das Leben ( und auch die Arbeit, für die man sich ja irgendwann mal entschieden hat ) zu genießen, wird über Arbeit, Politiker und Gesellschaft geschimpft. Wirkliche Auswüchse gibt es dann, wenn man sich sein Leben allabendlich mit dem Alkohol schön trinken muss ( http://www.unbequem.net/index.php/2008/02/16/allabendlicher-alkoholsuff/ )
Irgendwie eine traurige Geschichte,
Patrick - unbequem.net
October 29th, 2008 at 18:36
Ich habe die Fächerkombination Englisch/Deutsch und mir spricht der Kommentar aus der Seele. Das Gejammere so mancher Kollegen geht mir gehörig auf den Zeiger und ich kann nur den Kopf über den Egozentrismus schütteln, sich gerade bei mir auszuheulen.
Ich beschwere mich durchaus mal, wenn ich das Gefühl habe, bei der Arbeitsbelastung ungerecht behandelt zu werden, aber sich ganz allgemein über “zu viel” Arbeit zu beschweren finde ich lächerlich. In anderen akademischen Berufen wird auch bis zu 12 Stunden täglich gearbeitet. Ich glaube nicht, dass es den Lehrern da besonders schlecht geht.
Der Wunsch nach Anerkennung steht wiederum auf einem anderen Blatt. Meiner Erfahrung nach bekommt man allerdings viel mehr positive Rückmeldungen, wenn man seinen Job mit guter Laune statt mit Leidensmine macht. Vielleicht wäre das mal einen Versuch wert?
October 29th, 2008 at 18:44
Ergänzung: Unter “ungerecht” verstehe ich z.B., dass ich in diesem Schuljahr eine Klassenleitung in der 6, Lernstandserhebungen in der 8, zentrale Abschlussprüfungen in der 10 und Zentralabitur im LK habe. Das finde ich etwas reichlich. Ich meinte damit NICHT, dass ich naturgemäß mehr zu korrigieren habe als ein Religions-/Geschichts-Lehrer in NRW.
October 30th, 2008 at 09:48
Brother without hair, möchte dir sagen,
es gibt Ungerechtigkeit, die sollte vielleicht auch kommuniziert werden. Entlastungsstunden gibt es ja inzwischen nur wenig und für wirklich Großes. Aber wie ich das sehe: Ist das was du leisten musst nicht groß? Allerdings hört es halt eben auf, wenn ein Kollege (wie kürzlich geschehen) zu seinem schlechten Stundenplan sagt:
Die wollen mich töten!
October 30th, 2008 at 16:41
Solche Kommentare sind für mich auch unverständlich und grenzen an Verfolgungswahn.
Bisher kann ich noch recht gut trennen zwischen Ärgernissen, die das System mit sich bringt, und Ärgernissen, die ich von Personen ableite. Die Schulleitung will schließlich auch nur die bestmögliche Schülerversorgung erreichen. Und der Job des Stundenplankoordinators ist wohl ohnehin einer der undankbarsten in der Schule.
Aber vielleicht kann man nach 20 Jahren im selben Kollegium irgendwann nicht mehr so klar zwischen Mensch und Sache trennen?! Vielleicht wäre mehr Fluktuation und Austausch von Lehrkräften zwischen den Schulen doch nicht das Schlechteste.
October 31st, 2008 at 14:39
Wahrscheinlich ist jede Form von Fluktuation gut, weil sie immer auch Dynamik mit sich bringt.
In Holland sind die meisten Schulen in privater Trägerschaft finanziert vom Staat. Da hat man als Lehrer zwar Nachteile, aber kann wesentlich leichter die Schule wechseln, wenn es einem nicht gefällt. Jedenfalls ist es gut, wenn man nicht jede institutionelle Belastung, die aus dem System resultiert persönlich nimmt. Auch dazu kann ich ein Negativbeispiel anführen: Ein Kollege schreit den Stundenplanmacher an “Ich hab´ Ihnen doch klipp und klar gesagt, dass Sie mich aus der Pausenaufsicht nehmen sollen.” Komisch nur, dass er sich das erlauben kann.