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Die Gekränkten

By Juergen | April 7, 2009

Abizeit ist Zeit der Emotionen. Freude über die bestandenen Prüfungen hier, Ärger über Lästereien in der Abizeitung dort. Ärger und sogar Tränen wegen verpatzter Prüfungen hier, Erleichterung über die überstandene Flut an Korrekturen und Prüfungsvorbereitungen dort. Am Ende steht die Feier des gemeinsam Erreichten, die manchem gründlich verhagelt wird. Bereits das Erscheinen der Abizeitung sorgt bei mindestens einem Dutzend Kollegen, die nicht vorsorglich zensiert haben, für Verstimmung. Es herrscht mitunter der Eindruck, es wurde während des Unterrichts nur gegessen, geschlafen, gelabert, während die wenigen 1,0-Abiturienten im Windschatten dieses Phlegmas als Autodidakten glänzen konnten. Lehrer als Zuspätkommer, Faulenzer, Überforderte, Unwissende, Rechthaber, Erotomanen, Stinkende, Foltermeister, Langweiler, Schwule usw. werden als Panoptikum gestörter Störenfriede präsentiert, deren Bühne der Klassenraum ist. Manchem ist das zu viel, und der Abiball wird kurzerhand boykottiert.

Menschlich verständlich ist das allemal. Die Sensibiliät, die Schüler einfordern, lassen sie oft im Umgang mit Lehrerinnen und Lehrern vermissen. Doch sollte man als Lehrer nicht über diesen satirischen oder manchmal auch dummen Berichten stehen? Ein hohes Gut in unserer freien Gesellschaft ist die Meinungsfreiheit. Ich ärgere mich, wenn Vertreter von Religionsgemeinschaften Karikaturen oder andere Satire sofort als Beleidigung brandmarken und sich in den Schmollwinkel zurückziehen. Ich wundere mich, wenn Kritik an der Schulleitung als ungebührlich zurückgewiesen wird mit dem Hinweis, man solle doch Hierarchien akzeptieren. Deswegen werde ich den Teufel tun und Schülern drohen, nicht auf den Abiball zu gehen, wenn ein Kursbericht nicht positiv ausfällt. Manch einer verweigert gar Geschenke von Schülern, weil er sich tief getroffen fühlt, obwohl er selbst verbal sehr gut austeilen kann. Man sollte diesen im Abiturtaumel verfassten Pamphleten weniger Bedeutung beimessen, als dies viele tun. Sie sind weder ernstzunehmende Evaluationen von Unterricht, noch sind sie sprachlich akzeptabel - in den meisten Fällen jedenfalls. Schüler haben das Recht, über mich zu schreiben, was sie wollen, sofern Beleidigungen ausgeschlossen sind. Die Gegenwelt, in der ich nicht leben möchte, sind cleane, weil zensierte Schülerzeitungen oder Schuljahrbücher, in denen alles strahlt und glänzt, in denen massiver Unterrichtsausfall, Vertretungslehrerschwemme, Organisationschaos und vieles mehr ausgeblendet wird.

Spät abends auf dem Abiball, beim Bier zusammenstehend, könnte so mancher Ärger vertrieben sein, der zu Hause schmollend nur noch verstärkt werden dürfte. Denn beim Feiern erfahren wir in manchem Zwiegespräch wirkliche Zuneigung und Dankbarkeit von Schülern und Eltern. Auch das gibt es noch. Und da die Schulleitung in der Abizeitung oft am heftigsten durch den Kakao gezogen wird, braucht kaum jemand besorgt zu sein, man könnte diese Publikation an höherer Stelle allzu ernst nehmen…

Topics: Lehrer, Schüler, Eltern, Abitur |

10 Responses to “Die Gekränkten”

  1. Hugelgupf Says:
    April 7th, 2009 at 12:11

    Nach 13 - wahlweise auch 12 - Jahren wird man ja wohl mal ein bisschen Satire, die man sich sonst auf dem Schulhof erzählt hat, niederschreiben dürfen. Oder reake Geschichten, wie z.B. unsere Klassenlehrerin, die in der 5. Klasse ihren Kopf mit den Worten “Wofür werde ich eigentlich bezahlt?” gegen die Tafel gedongt hat…

  2. claude Says:
    April 7th, 2009 at 22:27

    Ich kann verstehen, wenn 13 Jahre lang Bewertete nun mal den Spieß umdrehen wollen und rückwerten.
    Skuril wird es aber dann doch manchmal, wenn z.B. ein Schulelternsprecher in seiner Abiturrede die Abizeitung als Quelle der Unterrichtsevalution nimmt und den Vorgesetzten (=Schulleitung)den Tipp gibt, die Kritik doch sehr ernst zu nehmen. Dann kann man auch mit gutem Gewissen die BILD als Quelle für historische Promotionen empfehlen.

  3. claude Says:
    April 7th, 2009 at 22:33

    es heißt natürlich “Evaluation”.
    Ich möchte noch nachtragen, dass man beim Lesen
    der Abizeitung - bei aller Liebe zur Meinungsfreiheit - als Lehrer, der manche Schüler 9 Jahre lang begleitet hat, enttäuscht sein darf über manchen lieblosen Beitrag, der nicht nur die richtigen lieblosen Kollegen trifft, sondern manchmal auch einen selbst. Aber richtig ist, beim Bier bekommt man dann wieder guten Kontakt zu seinen nun Ehemaligen, die Sentimentlität beginnt, man fühlt sich getröstet und freut sich schon auf den nächsten Abiball…

  4. Juergen Says:
    April 7th, 2009 at 23:10

    Was ist denn das für eine Schule, an der der Elternsprecher in der Abiturrede die Abizeitung als ernstzunehmende Quelle betrachtet? Kann sich wohl nur um eine Gesamtschule handeln… Hehe!

  5. lemim Says:
    April 9th, 2009 at 10:10

    Herrlicher Kommentar!

  6. claude Says:
    April 9th, 2009 at 18:03

    In unseren BILDungshungrigen Zeiten wird auch an humanistischen Gymnasien sowohl Abizeitung als auch Bild als ernstzunehmende Quelle betrachtet.
    Es gibt bei uns an der Schule sogar Eltern, die IN der Bild SCHREIBEN. HarrHarr!

  7. Malte Says:
    June 15th, 2009 at 13:02

    Is doch immer so das die Schüler sich über die Lehrer lustig machen, wir hatten damals auch “Lieblings” Lehrer und welche die auch selbst dran schuld waren das man sich nicht mochte ;)

  8. Markus Faehre Says:
    December 14th, 2009 at 19:42

    Ich kann sehr gut verstehen, wenn manchen Lehrern die Kommentare in Schülerzeitungen zu Nahe gehen. Auf der anderen Seite handelt es sich vermutlich um die Art Berufsrisiko, an das man sich über die Jahre einfach gewöhnen muss.

  9. Daniel Says:
    January 15th, 2010 at 17:54

    Ich habe vor vier Jahren Abitur gemacht und damals die Abiturzeitung mitverantwortet. Wir haben auch sehr auf den Putz - und einige Lehrer - gehauen, was zwei der Lehrer völlig zu Recht auch mit ihrem Fernbleiben vom Abi-Ball bestraft haben.

    Mir tut es heute extrem leid, dass wir uns so gar nicht erwachsen verhalten haben und die Abizeitung als Möglichkeit zur Abrechnung aufgefasst haben.

  10. Phil Says:
    January 19th, 2010 at 17:25

    In unserer Abizeitung waren auch eine “witzige” Bilder und Beiträge über unsere Lehrer. Wir haben jedoch drauf geachtet, dass diese nicht respektlos waren und außerdem wussten wir, wie weit wir bei welchem Lehrer gehen konnten. Mit diesem Vorgehen wurde die Zeitung für beide Seiten gut - und als Entschädigung haben wir unseren Tutoren noch Tickets für ein Bundesligaspiel geschenkt…

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