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Diktatur des Indikativs

By claude | May 8, 2009

Früher hieß es einmal: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! etc. Eine klare Sache. Früher hieß es auch manchmal. Kinder schweigen, wenn Erwachsene reden. Keine tolle Sache, aber immerhin klar. Früher wurde gesagt: Geh Milch kaufen! Und wenn man mit seinem Plastikeimer welche verschüttet hatte, war man zu dumm zum Milchholen. Eine dumme Sache. Heute sagen selbst “autoritäre” Lehrer: Nimm bitte den Kaugummi raus! Und Schüler fragen, warum!

Was ist davon zu halten, wenn in jedem Klassenzimmer solche Listen - wie die folgende (schon um einiges gekürzt) - hängen?

1. Wir nehmen aufeinander Rücksicht.

2. Jeder bringt sein Material mit.

3. Bücher, Hefte, etc. legen zu Beginn der Stunde auf den Tisch.

4. Wir beginnen den Unterricht, indem wir aufstehen und uns begrüßen.

5. Während des Unterrichts bleiben wir auf unseren Plätzen.

6. Wir konzentrieren uns auf den Unterricht.

7. Wir melden uns und rufen nicht in die Klasse.

8. Wir essen und trinken nicht im Unterricht.

9. Die Stunde beginnt und endet mit dem Klingeln. Die Lehrkraft beginnt und schließt den Unterricht.

10. Wir achten auf Sauberkeit im Klassenraum.

Vielleicht brauchen wir solche Listen. Vielleicht brauchen dies auch die Schüler. Regeln helfen weiter. Was mich wundert ist, dass ich mir eine solche Liste, die ja immerhin aufgrund der sauberen Zehnzahl auf die Gebote anspielt, schwer in der Imperativ Form vorstellen kann. Warum fällt es uns so schwer die versteckten Imperative auch sprachlich klar und deutlich rüberzubringen? Achte auf Sauberkeit! Sei pünktlich! Iss und trink nicht! Ruf nicht rein! Konzentrier dich! Bleib an deinem Platz! Steh auf zur Begrüßung! Leg dein Material auf den Tisch und bring es mit! Nimm Rücksicht auf andere!

Abgesehen davon, dass dies kürzer ist, verschleiern die Imperative auch nicht, dass da jemand ist, der auf die Einhaltung der Regeln achtet und die Missachtung notfalls auch sanktioniert. Ich finde das demokratisch, wenn Macht nicht in einem Indikativ und hinter der ersten Person Plural versteckt wird. Ich finde es auch nicht undemokratisch, wenn asymmetrische Verhältnisse, wie es das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist, nicht verschleiert werden. Ich finde es entlastend für alle Beteiligte, wenn ich sage: “Ich bin hier der Lehrer.” Gegen das “Wir” im sahneweichen “Indikativ” kann man jedenfalls schlechter aufbegehren. Mich machen Indikative, die Befehle beinhalten eher verrückt.

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12 Responses to “Diktatur des Indikativs”

  1. Herr Rau Says:
    May 8th, 2009 at 10:19

    Ich kenne den gleichen Indikativ aus den Lehrplänen, wo es in den vorangestellten Bemerkungen zu den einzelnen Jahrgangsstufen stets heißt: “Die Schüler interessieren sich jetzt vermehrt für… die Schüler verfügen über ein solides Grundwissen an…”

    Da scheint mir etwas mehr Modalität schon auch angebracht.

  2. Lobo Says:
    May 8th, 2009 at 10:36

    Ich erinnere mich aber leider auch an den Satz: “Marschier auch du in unsren Reihen mit”. Weiß nicht woher allerdings. Der vorgeschlagene Indikativ hat sich glaube ich gottseidank historisch erübrigt. Wir reden heute nicht mehr so.

  3. MachBar Says:
    May 8th, 2009 at 23:15

    Mit solchen “Regeln” erreichen wir genau das, was wir in vielen Schulen genau jetzt haben.

    Zitat von Tanja Haeusler aus “spreeblick.de”

    “Die Schule nämlich ist der Ort, an dem nach wie vor alle dasselbe machen, an dem persönliches Interesse keinen Platz hat, weil das Curriculum eingehalten werden muss, das also, was in den Schulkonferenzen der Länder als wissenswert erachtet wird und an dem jedes Kind am Ende des Schuljahres mit einer Zahl zwischen Eins und Sechs gemessen wird.”

    Es geht auch anders, es ist machbar. Ich will hier keine Werbung für meine Schule machen. Aber wir versuchen einen anderen, vielleicht auch für manchen (Lehrer) unbequemen Weg zu beschreiten. Nicht die Befindlichkeiten der Lehrperson steht an erster Stelle, sondern die unserer Zukunftsträger.

    “Das zentrale Ziel von vielen Schulentwicklungsvorhaben ist eine Individualisierung von Lernprozessen. Der Unterricht soll so konzipiert sein, dass jeder Lernende Raum für das Beschreiten seines individuellen Lernweges hat. Dies ist ein Aspekt eines neuen Herangehens an Unterricht und Schule, der mit dem Begriff „Neue Lernkultur überschrieben ist. Hieraus ergeben sich konkrete Anforderungen an die Raumgestaltung. An der Oskar-von-Miller-Schule Kassel wurde versucht, bei der Planung für eine bevorstehende Gebäudesanierung eine Antwort auf die Frage zu geben, wie Räume für diese Neue Lernkultur gestaltet werden müssen.”

    Und so versuchen wir es:

    http://spedr.com/5xpqq
    http://spedr.com/2tm8x

    Warum nehmen wir die Lehrpläne immer als Entschuldigung für unser Tun. Fragen wir doch lieber nach den Kompetenzen, mit denen unsere Schüler ihre und unsere Zukunft meistern können. Und zu diesen Kompetenzen gehört bestimmt nicht das auf den Plätzen bleiben und das Melden.

    Wenn wir unsere Schüler ändern wollen, müssen wir uns ändern.

    Wie gesagt, es ist MachBar….

  4. LoBo Says:
    May 8th, 2009 at 23:21

    Habe gerade noch einmal meine Erinnerung an den Satz “Marschier auch du in unsren Reihen mit” überprüft, und bin draufgekommen, dass der anders formuliert wurde. Auch müsste ich geschrieben haben “der vorgeschlagene Imperativ hat sich erübrigt”. Was aber bleibt, ist meine intuitive Abneigung gegen diese in diesem Post vorgeschlagene Rückkehr zu den Befehlsformen. Ich halte es tendenziell für eine Errungenschaft, in Gemeinschaften “wir wollen/versuchen/trachten/bemühen” zu verwenden. Wenn es aber um *individuelle* Abgrenzungen geht, würde ich dem Post zustimmen.

  5. MachBar Says:
    May 8th, 2009 at 23:30

    Werde mich hier wieder abmelden, da mein Kommentar scheinbar zensiert wurde.

    Schade, aber nach den ganzen Artikeln hier verständlich. Denkt endlich um.

  6. admin Says:
    May 9th, 2009 at 12:40

    Hallo MachBAr,

    hier werden keine Kommentare zensiert.
    Es bleibt dir natürlich offen, dich trotzdem abzumelden.

    Interessieren würde mich natürlich die Gedanken, die hinter deiner Aussage: “…nach den ganzen Artikeln hier verständlich…” stehen.
    Kannst du das bitte erläutern, was du damit meinst?

    Zu deinem Kommentar: Kann es sein, dass deine Anmerkung einen Link beinhaltet hat? Dann muss der Kommentar freigeschaltet werden.
    Möglicherweise hatte die Admin gestern anderes zu tun und hat dies daher versäumt.

    Also: stell deinen Kommentar bitte wieder ein und die Admin wird ihn anschließend gleich freischalten.

    Alles klar?

  7. claude Says:
    May 9th, 2009 at 17:36

    Liebe Kommentatoren,

    ich wünsche mir einen sehr freundlichen Umgang von Lehrern mit ihren Schülern und praktiziere ihn auch. Ich nenne das Wertschätzung. Mir kommt es auf etwas anderes an, nämlich auf eine direkte Kommunikation, die asymmetrische Verhältnisse, wie es das Lehrer - Schüler - Verhältnis ist, nicht verschleiert werden. Dazu noch ein Beispiel:
    “Wir hatten doch vereinbart…” Wird oft gesagt, wenn ein Schüler nicht macht, was man will. “NEIN, WIR HATTEN NICHTS VEREINBART,” würde ein schlauer Schüler sagen. “Sie haben gesagt, wir vereinbaren, dass du ab heute pünktlich kommst. Das ist keine Vereinbarung, sondern eine ANWEISUNG!” Also mein Vorschlag zur pädagogischen Güte: Wertschätzung als Generallinie! Klare Anweisung im Akutfall!

  8. claude Says:
    May 9th, 2009 at 17:39

    Liebe Kommentatoren,

    ich wünsche mir einen sehr freundlichen Umgang von Lehrern mit ihren Schülern und praktiziere ihn auch. Ich nenne das Wertschätzung. Mir kommt es auf etwas anderes an, nämlich auf eine direkte Kommunikation, die asymmetrische Verhältnisse, wie es das Lehrer - Schüler - Verhältnis ist, nicht verschleiert. Dazu noch ein Beispiel:
    “Wir hatten doch vereinbart…” Wird oft gesagt, wenn ein Schüler nicht macht, was man will. “NEIN, WIR HATTEN NICHTS VEREINBART,” würde ein schlauer Schüler sagen. “Sie haben gesagt, wir vereinbaren, dass du ab heute pünktlich kommst. Das ist keine Vereinbarung, sondern eine ANWEISUNG!” Also mein Vorschlag zur pädagogischen Güte: Wertschätzung als Generallinie! Klare Anweisung im Akutfall!

  9. Chilla Says:
    July 8th, 2009 at 08:36

    Diesen Text solltet ihr doch kennen:

    Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

    Sokrates - Zitate und Sprüche Sokrates

    griechischer Philosoph (um 469 vChr - 399 vChr)

  10. claude Says:
    July 8th, 2009 at 09:20

    Ja, liebe Chilla,
    das ist ein gutes, entlastendes Zitat.
    Auch, wenn es anstregend ist, dass es in der Erziehung immer so ist, ist es doch immer so, dass dies nicht trostlos ist, weil auch junge Leute älter werden und irgendwann unsere Anstrengungen übernehmen, so sie guten Willens sind.

  11. Juergen Says:
    January 17th, 2010 at 16:39

    Danke für diese Entlarvung der antiautoritären Sprachregelung. Das Wort “Bitte” hört man auch beim Einkaufen, wenn Eltern ihren 5-jährigen Sohn bitten: “Kevin, kannst du den Schokoriegel bitte im Regal lassen?!” Hier fängt das ganze schon an, denn man suggeriert dem Kind, dass es seine freie Entscheidung ist, dieser Bitte nachzukommen - oder eben nicht. So funktioniert aber weder Erziehung noch Gesellschaft. Wenn “MachBar” seine “gute” Schule gegen die Phalanx der “schlechten” ausspielen möchte, sei nur gesagt: Auch an Schulen, an denen sich Schüler melden und auf ihren Plätzen sitzen bleiben, ist Raum für individuelle Interessen und herrscht eine angenehme Unterrichtsatmosphäre. Man kann den Spieß auch umdrehen: Erst die antiautoritäre Welle hat dazu geführt, dass Regeln und Rücksichtnahme in unserer Gesellschaft oft nicht hoch im Kurs stehen.

  12. claude Says:
    January 19th, 2010 at 19:00

    Die antiautoritäre Welle hat sich wohl zurecht über übel autoritäres Gehabe ergossen. Ich glaube aber wirklich nicht, dass das die Alternative ist. Für mich heißt Lehrer sein, vorallem offen und präsent sein. Lehrer sein heißt Lehrer sein und nicht Kumpel, Onkel, Tante, Mama, Papa, Freund, Gerichtsvollzieher, Notenbeamter…

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